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Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört

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Die Frage, die sich Europa heute stelle, so der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson, sei die gleiche, vor der die Vereinigten Staaten im Jahr 2008 standen: „Soll der Finanzsektor oder soll die Wirtschaft gerettet werden?"

Die Regierung Obama entschied sich für die Rettung der Banken. Das Gleiche geschah in der Schweiz, wo sich 2008 die Lage der UBS so stark verschlimmert hatte, dass die Bank zum Risiko für die Finanzstabilität im Land geworden war. Die Folge waren Eingriffe der Schweizerischen Nationalbank und der Landesregierung.

Niemand habe diesen Zusammenbruch des Finanzsystems vorhersehen können, liessen die Wall Street und die City of London verlauten. Michael Hudson sieht das dezidiert anders. „Die Banker und Hedgefonds-Manager hatten sehr wohl gewusst, was auf sie zukam, und in weiser Voraussicht eine politische Strategie entwickelt, um die Regierungen zu veranlassen, sie im Ernstfall mit staatlichen Rettungspaketen vor dem Ruin zu bewahren. Doch damit die Verluste von den Steuerzahlern getragen wurden, musste es den Anschein haben, als wäre der Zusammenbruch aus heiterem Himmel erfolgt und beruhe auf höherer Gewalt statt auf schlechter Politik und offensichtlichem Betrug."

Wie jedes andere System auch ist auch das Finanzsystem zuallererst für die da, die davon profitieren. Michael Hudson zeigt in Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört (Klett-Cotta, Stuttgart 2016) kenntnisreich und detailliert auf, wie sich das kapitalistische Finanzsystem verselbstständigt hat und so recht eigentlich die Demokratie unterminiert. Kein Wunder, denn im Kapitalismus herrscht bekanntlich das Kapital und nicht das Volk.

Wären die Banken nicht auf Kosten der Steuerzahler gerettet worden, wäre das gesamte System zusammengebrochen. Und genau das, so Hudson, hätte auch passieren sollen: „Die Finanzzocker an der Wall Street waren nicht die 'Wirtschaft'. Sie waren nur 'Bankster' - Banker-Gangster, die lediglich so taten, als deckten sich ihre Interessen mit denen der Gesamtwirtschaft."

Doch weshalb ist der Finanzsektor eigentlich so wichtig? Sicher, er gibt vielen Leuten Arbeit und zahlt nicht wenigen von ihnen exorbitante Gehälter, doch was trägt er konkret zum Wohlbefinden der Menschheit bei? Wieso braucht es ihn überhaupt?

Nun ja, es braucht ihn nicht wirklich. Jedenfalls ist er kein unabdingbarer Teil der Volkswirtschaft, wie es uns allenthalben weisgemacht wird, denn der Finanzsektor produziert ... ja, was eigentlich?

Der Mensch ist ungeheuer erfinderisch, wenn es darum geht, seinen eigenen Vorteil zu rechtfertigen. Zugleich ist erstaunlich, was man die Menschen alles glauben machen kann. Etwa, dass jedermann das Einkommen erhält, das seinem Produktionsbeitrag entspricht. „Dadurch wird die Tatsache geleugnet, dass die ökonomische Rente nicht im eigentlichen Sinn verdient wird. Gleichzeitig postuliert man damit, es gäbe keine Ausbeutung und kein unverdientes, leistungsloses Einkommen ...".

Die am meisten vom kapitalistischen Finanzsystem Profitierenden sind in Wirklichkeit nur Schmarotzer, behauptet Michael Hudson und schlägt vor, „zwischen (durch eigene Arbeit) 'verdientem' und 'unverdientem' Einkommen, zwischen produktiven und unproduktiven Formen der Vermögensbildung" zu unterscheiden. Schliesslich weiss jeder und jede, „dass es keine moralische Rechtfertigung für Einkommen und Vermögen gibt, das mit extraktiven Mitteln erlangt, statt durch produktive Arbeit verdient wurde."