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Von der Schönheit des Universums

05/12/2017 11:07 CET | Aktualisiert 05/12/2017 11:27 CET

Der Philosoph Martin Heidegger hat darüber gestaunt, dass es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Daran musste ich denken, als ich Stefan Kleins Das All und das Nichts (S. Fischer, Frankfurt am Main 2017) zur Hand nahm, der dieses Phänomen wissenschaftlich angeht - kein Wunder, schliesslich ist er der Sohn eines Wissenschaftlers, der in den Augen des jungen Stefan alles erklären konnte.

Unser Wissen über den Aufbau der Welt hat sich in den letzten Jahren dramatisch erweitert, so Klein: „Wir sind inzwischen imstande, die Geschichte des Universums zumindest in groben Zügen bis auf die erste Milliardstel Sekunde nach seiner Geburt zurückzuverfolgen", lese ich da und bin etwas verwundert, weil mir „in groben Zügen" und „bis auf die erste Milliardstel Sekunde" nicht so recht zusammenzupassen scheinen. Anders gesagt: Eine Milliardstel Sekunde ist jenseits meiner Vorstellungskraft.

Auch den Urknall und einiges andere mehr, das die Wissenschaft herausgefunden hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zudem: Wenn Wissenschaftler davon erzählen, was vor 4,5 Milliarden Jahren passiert ist, jedoch das Wetter von Morgen nicht vorhersagen können, werde ich etwas skeptisch, auch wenn die Meteorologie Beeindruckendes leistet. „Unsere Prognosen versagen, weil das Universum schöpferisch ist." Und nicht zuletzt: Obwohl sich unser Ursache-Wirkung-Denken als überaus nützlich erwiesen hat, limitiert es natürlich auch unsere Vorstellungskraft.

Das All und das Nichts beschreibt, wie die Physik des 21. Jahthunderts unser Denken und damit unser Weltbild verändert. Dabei lässt sich der Autor von Fragen leiten, die ihn als Kind beschäftigt haben. Das ist wunderbar instruktiv. Darüber hinaus macht er klar, dass über etwas informiert zu sein und es wirklich zu verstehen, nicht dasselbe ist - eine Erfahrung, die offenbar nicht nur ich mache, sondern auch der exzellente Wissensvermittler Stefan Klein, der von vielen verbüffenden Erkenntnissen zu berichten weiss, etwa „dass Ereignisse ohne den Austausch von Signalen voneinander abhängen können."

Die Natur ist digital

Gänzlich neu war für mich auch, dass die Natur keine allmählichen Übergänge, keine Zwischentöne kennt. „Wir erleben so etwas nur, weil wir nicht genau genug hinsehen - wie ein gerastertes Schwarzweissbild aus etwas Abstand Schattierungen von Grau aufweist, doch in Wirklichkeit nur aus schwarzen und weissen Punkten besteht. Ebenso existieren auf der Ebene der Atome und Elementarteilchen nur ja oder nein, Schwarz oder Weiss. Die Natur ist digital."

„Ich kann sicher sagen, dass niemand Quantenmechanik versteht", hat Richard Feynman, seines Zeichens Nobelpreisträger für Physik, einmal gesagt, was auch daran liegen mag, „dass die Wirklichkeit der gewohnten Logik zuwiderläuft", wie Stefan Klein am Beispiel einer Kriminalgeschichte ausführt, die unsere Vorstellung von Raum und Zeit grundsätzlich in Frage stellt. „Sind nah und fern nur Orientierungshilfen für uns, aber auf einer tieferen Ebene der Wirklichkeit ohne Belang?"

Wir leben in einem Universum von gewaltigen Dimensionen. Allein in unserer Galaxie umkreisen mindestens 100 Milliarden Planeten die Sterne. Doch damit nicht genug, denn das sichtbare Universum umfasst noch einmal mindestens 100 Milliarden Galaxien. „Wir müssen voraussetzen, dass Intelligenz auch anderswo im All existiert - Geschöpfe, die sich selbst und ihre Umwelt erkennen, Pläne schmieden, Ziele verfolgen. Wir sind nicht allein."

Doch vielleicht ist unsere Wirklichkeit ja nichts anderes als eine Täuschung, wie Philosophen in Ost und West während Jahrhunderten behauptet haben. Schon möglich, doch gegen unsere sinnlichen Wahrnehmungen - wir sehen, riechen, fühlen - kommen unsere Gedanken selten an. „Warum es überhaupt etwas gebe und nicht einfach nichts sei, wurde der New Yorker Philosoph Sidney Morgenbesser einmal gefragt. 'Ich sage Ihnen den Grund', antwortete dieser. ' Wenn nichts wäre, würden Sie sich trotzdem beklagen.'"

Das All und das Nichts bietet höchst anregende Aufklärung und lädt zum Staunen ein.

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