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Von der Kunst, mit Risiken zu leben

02/10/2015 10:49 CEST | Aktualisiert 02/10/2016 11:12 CEST

Die britische Autorin Polly Morland hat mit "Risk Wise" (weissbooks.w, Frankfurt am Main 2015) ein Buch über das Risiko, und wie wir uns dazu verhalten, geschrieben. "Die Idee von Risiko existiert überhaupt nur, weil wir nicht wissen, was passieren wird, und weil es uns nicht egal ist, was passiert."

Der Mensch sucht Sicherheit. Um diese zu erreichen, versucht er den all überall lauernden Gefahren aus dem Weg zu gehen oder diese zu kontrollieren. Für den Fall, dass dann eben doch etwas geschieht, das einem nicht passt, wurden die Versicherungsgesellschaften erfunden. Genauer: aus unserer Angst vor Unvorhergesehenem haben einige ein Geschäftsmodell entwickelt.

Arthur Schopenhauer sah die Welt als "eine Art Hölle" und empfahl sich darin "eine feuerfeste Stube zu verschaffen" und, so ist zu vermuten, sich darin einzurichten. Friedrich Nietzsche, der Schopenhauers Gedankenwelt als junger Mann sehr zugetan war, wandte sich davon jedoch ab. Das war bei einem Aufenthalt in Sorrent am Golf von Neapel, in der Nähe des Vesuvs also, von dem man nie wirklich weiß, wann er wieder ausbrechen wird.

"Denn glaubt es mir ... das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuss dem Dasein einzuernten, heißt: gefährlich leben! Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere!"

Für den römischen Dichter und Philosoph Lukrez bestand die Welt aus der Bewegung von Atomen, die geringen, nicht vorhersehbaren Abweichungen unterworfen war. Dieses Abweichen, dieses Risiko, ist "das Lebenselixier unseres freien Willens, unserer Kreativität. Und wenn wir uns nur beibringen können, im Fluss zu sein, kann dies vielleicht genau die Grundlage unserer Freiheit sein."

Es gibt Menschen, "die wissen oder die gelernt haben, wie man auf intelligente, bereichernde Weise mit Risiko lebt: es gibt Menschen, die risk wise sind." Von solchen Menschen handelt dieses Buch. Etwa von denen, die am Fusse des Vesuv leben. Oder dem Japaner, der nach London gekommen ist, um dort sein Glück zu wagen. Oder der Balletttänzerin aus Toulouse, die mit dem Risiko, sich zu verletzen, klar kommen muss.

Auch von einem Rot-Kreuz-Mitarbeiter und seinem Einsatz in einem Spital in Afghanistan, mitten im Kriegsgebiet, berichtet Polly Morland. "Beim IKRK gibt es bewährte Übungen zum absolut sicheren Verhalten unter derartigen Bedingungen ..." lese ich da, wundere mich allerdings schon etwas über das bedingungslose Vertrauen, dass das IKRK bei der Autorin zu genießen scheint.

"Was kann uns risk wise machen?" fragt Alain de Botton in seiner Nachbemerkung. Es ist "der Gedanke an unseren möglichen Tod. Nur wenn wir uns daran erinnern, dass das höchste Risiko schon in den Vertrag unseres Lebens eingeschrieben ist, können wir Schluss damit machen, unsere Sicherheit für etwas so Kostbares zu halten."

PS: Als der Philosoph Martin Heidegger einmal gefragt wurde, wie wir Authentizität zurückgewinnen und ein uns erfüllenderes Leben führen könnten, meinte er, wir sollten einfach "mehr Zeit auf Friedhöfen" verbringen.

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