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Was am Ende wirklich zählt - Das Vermächtnis eines jungen Arztes

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Stolk via Getty Images
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Arzt wollte Paul Kalanithi nicht werden. Das wusste er schon früh, denn sein Vater war Arzt und der arbeitete so viel und so hart, dass er ihn selten zu Gesicht bekam. Ein solcher Preis war ihm zu hoch, den wollte er nicht bezahlen. Und wurde dann (natürlich) der gleiche viel und hart arbeitende Arzt wie schon sein Vater.

Doch zuerst machte er seinen Magister in Englischer Literatur, erst dann folgte das Medizinstudium und die Facharztausbildung in Neurochirurgie. Für diese hatte er sich entschieden "sowohl wegen ihrer Verbindung von Gehirn und Bewusstsein als auch wegen ihrer Verbindung von Leben und Tod.

Ich hatte angenommen, dass ein Leben zwischen diesen zwei Polen mir nicht nur die Möglichkeit zu mitfühlendem Handeln geben, sondern mich auch zu einem besseren Menschen machen würde", schreibt er in Bevor ich jetzt gehe (Knaus Verlag, München 2016).

Wenig überraschend erwies sich die Realität etwas anders als vorgestellt, die hundert Stunden Arbeitszeit pro Woche ließen ihn vor allem funktionieren und sich erschöpft fühlen. Doch damit wollte er sich nicht zufrieden geben.

"Als Assistenzarzt war mein höchstes Ideal nicht, Leben zu retten - jeder stirbt einmal - , sondern einem Patienten und dessen Angehörigen das Verstehen von Tod und Krankheit zu erleichtern."

Sein Vorbild ist ihm dabei sein Vater.

"Die Neurochirurgie mit ihrer unerbittlichen Forderung nach Perfektion hatte mich gepackt." Wegen zwei Millimetern kann ein Patient vollständig gelähmt sein, wegen eines Millimeters (der Hypothalamus war bei der Entfernung eines Tumors leicht beschädigt worden) wurde aus einem süßen kleinen Jungen ein von Wutanfällen und Fressattacken gepeinigtes Monster.

Es sind spannende Einblicke in seine Arbeit, die Paul Kalanithi gewährt. "Seltsamerweise verliert man im OP jedes Zeitgefühl, ob man nun hektisch rast oder bedächtig vorgeht. Wenn Langeweile, wie Heidegger es ausdrückte, das bewusste Wahrnehmen des Vergehens von Zeit ist, dann ist eine Operation das Gegenteil."

Er geht auf in seinem Beruf, hat den Eindruck, "all die Einzelstränge wie Biologie, Ethik, Leben und Tod würden sich nun endlich miteinander verbinden, zu einer kohärenten Weltsicht und einem Gefühl dafür, wo mein Platz darin war." Zu diesem Zeitpunkt ist er sechsunddreißig, "das Land der Verheißung vor mir". Doch dann erhält er die Diagnose Krebs.

Es geht rapide bergab, die Aussichten sind schlecht, doch dann schlägt die Behandlung an. Er liest viel, hauptsächlich Literarisches, aber auch "Memoiren von Krebspatienten, einfach alle, die je über das Sterben geschrieben hatten." Seine Frau Lucy wird schwanger, Tochter Cady kommt auf die Welt, er kann wieder operieren und hatte schon bald "statt eines Zwölfstundentages wieder einen Sehzehnstundentag. Erneut standen die Patienten ständig im Mittelpunkt meines Denkens."

Unvermutet taucht ein neuer, großer Tumor in seinem rechten Lungenflügel auf. "Ich war weder wütend noch erschrocken. Es war einfach Realität, genauso wie die Entfernung von der Sonne zur Erde." Am 9. März 2015 stirbt er im Kreis seiner Familie.

Im Nachwort schildert die Ehefrau, eine Ärztin, die letzten Tage ihres Mannes. "Er wollte Menschen helfen den Tod zu verstehen und sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen." Sie selber tut das ebenso, offen, aufrichtig und bewegend.

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