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Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden

09/06/2016 13:05 CEST | Aktualisiert 10/06/2017 11:12 CEST
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Martina Leibovici-Mühlberger leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit sozialpsychologischem Fokus auf Jugend und Familie und ist eine Frau klarer Worte. Immer mehr Kinder und Jugendliche, so schreibt sie in Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden (edition a, Wien 2016), seien:

"Übergewichtig, ja am Rande der Fettleibigkeit, 'chillbewusst' und im Gegenzug leistungsverweigernd, bereits am Beginn der Pubertät gefährdet, später einmal an ernsthaften, chronischen systemischen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes mellitus zu leiden, in großem Umfang suchtgefährdet und psychisch so krank, dass die psychotherapeutischen Kassenplätze für Kinder und Jugendliche gerade erst verdoppelt werden mussten - so treten uns immer mehr Kinder und Jugendliche, als Repräsentanten der von der Politik proklamierten und herzhaft geforderten leistungsstarken Zukunftsgesellschaft gegenüber."

Natürlich sind nicht alle Kinder und Jugendlichen so, doch sind es ganz klar mehr als nur ein paar wenige. Eine altgediente Pädagogin sagt: "Als ich vor rund dreißig Jahren in den Schuldienst eintrat ... hatten wir drei bis vier in irgendeiner Weise schwierige Kinder pro Klasse. Heute habe ich eine gute Klasse, wenn drei bis vier Kinder keine Auffälligkeiten zeigen oder gerade extremen Stress wegen der Probleme der Eltern haben."

Unsere narzisstische Kultur

Woran liegt es? Vor allem an unserer narzisstischen Kultur, in der das Erziehungsideal ist, dass jeder und jede sich frei entfalten können soll. Gleichzeitig ist der Erwartungsdruck der Eltern enorm, nur weigern sich diese allzu häufig ihre Kinder anzuleiten. Auch weil sie unsicherer sind als früher.

Letzteres bestätigt laut Spiegel Online auch der Mannheimer Familientherapeut Bodo Reuser. "Aber sie sind auch viel eher bereit, in Beratungsstellen zu kommen und Rat anzunehmen." Die Zunahme der Beratungsfälle erklärt er sich jedoch nicht mit einer Zunahme der Probleme, sondern mit dem gestiegenen Bewusstsein dafür. Der Hamburger Psychologe Schulte-Markwort sekundiert: "Früher hat man Probleme und Symptome einfach übersehen, heute kommen viele Eltern bei Problemen rechtzeitig zu uns." Nun ja, nichts ist eben charakteristischer für unsere Zeit als die Werbung in eigener Sache.

Narzissten haben Hochkonjunktur

Martina Leibovici-Mühlbergers Ansatz ist grundsätzlicher und gesellschaftlicher. Für sie haben Narzissten Hochkonjunktur in unserer Erziehungskultur. Eines der Fallbeispiele, welches sie dazu präsentiert, ist von kaum zu überbietender Absurdität und Tragik.

Die Selbst-Inszenierung einer schwer gestörten Familie schildert sie so: "Die ganze Idylle wirkt auf mich wie eine geschickte Präsentation auf einer Hundeausstellung, die die Preisrichter über Fehlstellungen der Gelenke und Zahnfehler hinwegtäuschen soll."

Überhaupt sind die Fallbeispiele auf vielfältige Art und Weise lehrreich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Autorin sich nicht als Expertin aufspielt (was sie aufgrund ihrer diversen Ausbildungen leicht könnte), sondern sich als neugierige, anteilnehmende und auch sich selber reflektierende Frau mit gesundem Menschenverstand zeigt. Letzterer ist heutzutage dermaßen selten, dass man ihn schon fast exotisch fîndet.

Ein Aufruf an die Eltern

Darüber hinaus verfügt Martina Leibovici-Mühlberger über viel Witz. Als etwa eine Jugendliche die Schuldirektorin als alte "ungefickte Tusse'' bezeichnet, notiert sie: "Ich schlucke innerlich kurz, als mir klar wird, dass besagte Direktorin in etwa zu meiner Altersgruppe zählt ...". Die Beschreibung dessen, was sie dann tut, lohnt allein die Lektüre dieses Buches.

Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden ist in erster Linie ein Aufruf an die Eltern, selber erwachsen zu werden und ihre Erziehungsaufgabe wahrzunehmen, also nicht in erster Linie die Wünsche der Kinder, sondern deren Bedürfnisse zu erfüllen. Und: "Kinder brauchen sorgsam und respektvoll gesetzte Grenzen. Genauso wie sie Eltern brauchen, die wirklich für sie da sind."

Gleichzeitig ist dieses Buch jedoch auch ein Aufruf an die Politik, sich mit den Auswirkungen des allgegenwärtigen Konsumwahns auseinanderzusetzen. "Die Politik muss sich endlich damit befassen, wie diese ach so erfolgreiche Konsumgesellschaft mit ihren Kindern, ja mit dem Abschnitt Kindheit an und für sich, umgeht und wie sich das aus dem Blickwinkel eines Kindes wohl anfühlen mag. Vieles an den Tyrannenkindern wäre damit bereits vollkommen erklärt."

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