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Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden

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KIND ERZIEHUNG ELTERN
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Martina Leibovici-M├╝hlberger leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit sozialpsychologischem Fokus auf Jugend und Familie und ist eine Frau klarer Worte. Immer mehr Kinder und Jugendliche, so schreibt sie in Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden (edition a, Wien 2016), seien:

"├ťbergewichtig, ja am Rande der Fettleibigkeit, 'chillbewusst' und im Gegenzug leistungsverweigernd, bereits am Beginn der Pubert├Ąt gef├Ąhrdet, sp├Ąter einmal an ernsthaften, chronischen systemischen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes mellitus zu leiden, in gro├čem Umfang suchtgef├Ąhrdet und psychisch so krank, dass die psychotherapeutischen Kassenpl├Ątze f├╝r Kinder und Jugendliche gerade erst verdoppelt werden mussten - so treten uns immer mehr Kinder und Jugendliche, als Repr├Ąsentanten der von der Politik proklamierten und herzhaft geforderten leistungsstarken Zukunftsgesellschaft gegen├╝ber."

Nat├╝rlich sind nicht alle Kinder und Jugendlichen so, doch sind es ganz klar mehr als nur ein paar wenige. Eine altgediente P├Ądagogin sagt: "Als ich vor rund drei├čig Jahren in den Schuldienst eintrat ... hatten wir drei bis vier in irgendeiner Weise schwierige Kinder pro Klasse. Heute habe ich eine gute Klasse, wenn drei bis vier Kinder keine Auff├Ąlligkeiten zeigen oder gerade extremen Stress wegen der Probleme der Eltern haben."

Unsere narzisstische Kultur

Woran liegt es? Vor allem an unserer narzisstischen Kultur, in der das Erziehungsideal ist, dass jeder und jede sich frei entfalten k├Ânnen soll. Gleichzeitig ist der Erwartungsdruck der Eltern enorm, nur weigern sich diese allzu h├Ąufig ihre Kinder anzuleiten. Auch weil sie unsicherer sind als fr├╝her.

Letzteres best├Ątigt laut Spiegel Online auch der Mannheimer Familientherapeut Bodo Reuser. "Aber sie sind auch viel eher bereit, in Beratungsstellen zu kommen und Rat anzunehmen." Die Zunahme der Beratungsf├Ąlle erkl├Ąrt er sich jedoch nicht mit einer Zunahme der Probleme, sondern mit dem gestiegenen Bewusstsein daf├╝r. Der Hamburger Psychologe Schulte-Markwort sekundiert: "Fr├╝her hat man Probleme und Symptome einfach ├╝bersehen, heute kommen viele Eltern bei Problemen rechtzeitig zu uns." Nun ja, nichts ist eben charakteristischer f├╝r unsere Zeit als die Werbung in eigener Sache.

Narzissten haben Hochkonjunktur

Martina Leibovici-M├╝hlbergers Ansatz ist grunds├Ątzlicher und gesellschaftlicher. F├╝r sie haben Narzissten Hochkonjunktur in unserer Erziehungskultur. Eines der Fallbeispiele, welches sie dazu pr├Ąsentiert, ist von kaum zu ├╝berbietender Absurdit├Ąt und Tragik.

Die Selbst-Inszenierung einer schwer gest├Ârten Familie schildert sie so: "Die ganze Idylle wirkt auf mich wie eine geschickte Pr├Ąsentation auf einer Hundeausstellung, die die Preisrichter ├╝ber Fehlstellungen der Gelenke und Zahnfehler hinwegt├Ąuschen soll."

├ťberhaupt sind die Fallbeispiele auf vielf├Ąltige Art und Weise lehrreich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Autorin sich nicht als Expertin aufspielt (was sie aufgrund ihrer diversen Ausbildungen leicht k├Ânnte), sondern sich als neugierige, anteilnehmende und auch sich selber reflektierende Frau mit gesundem Menschenverstand zeigt. Letzterer ist heutzutage derma├čen selten, dass man ihn schon fast exotisch f├«ndet.

Ein Aufruf an die Eltern

Dar├╝ber hinaus verf├╝gt Martina Leibovici-M├╝hlberger ├╝ber viel Witz. Als etwa eine Jugendliche die Schuldirektorin als alte "ungefickte Tusse'' bezeichnet, notiert sie: "Ich schlucke innerlich kurz, als mir klar wird, dass besagte Direktorin in etwa zu meiner Altersgruppe z├Ąhlt ...". Die Beschreibung dessen, was sie dann tut, lohnt allein die Lekt├╝re dieses Buches.

Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden ist in erster Linie ein Aufruf an die Eltern, selber erwachsen zu werden und ihre Erziehungsaufgabe wahrzunehmen, also nicht in erster Linie die W├╝nsche der Kinder, sondern deren Bed├╝rfnisse zu erf├╝llen. Und: "Kinder brauchen sorgsam und respektvoll gesetzte Grenzen. Genauso wie sie Eltern brauchen, die wirklich f├╝r sie da sind."

Gleichzeitig ist dieses Buch jedoch auch ein Aufruf an die Politik, sich mit den Auswirkungen des allgegenw├Ąrtigen Konsumwahns auseinanderzusetzen. "Die Politik muss sich endlich damit befassen, wie diese ach so erfolgreiche Konsumgesellschaft mit ihren Kindern, ja mit dem Abschnitt Kindheit an und f├╝r sich, umgeht und wie sich das aus dem Blickwinkel eines Kindes wohl anf├╝hlen mag. Vieles an den Tyrannenkindern w├Ąre damit bereits vollkommen erkl├Ąrt."

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