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Tritt dem Bösen entgegen, das dein Leben zerstört

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Stieg Larssons Millenium-Trilogie ist legendär, auch Leute, die eigentlich keine Krimis lesen, sind davon hin und weg. Nachdem Larsson 2004, im Alter von 50 Jahren, starb, beauftragten seine Erben David Lagercrantz, einen vierten Millenium-Band zu schreiben, eine Aufgabe, die er mit Bravour erledigt hat - Verschwörung (Heyne Verlag, München 2016) ist überaus gelungen. Und der nun vorliegende Nachfolger, Verfolgung (Heyne Verlag, München 2017), ebenso.

„Tritt dem Bösen entgegen, das dein Leben zerstört", wird die Stieg Larsson und David Lagercrantz Heldin Lisbeth Salander, eine begnadete Computer-Hackerin und Kampfsportlerin, auf der vierten Umschlagseite zitiert. Ein Zitat, das meine Sympathie für diese Heldin auf den Punkt bringt.

Zu Beginn dieses fulminanten Thrillers befindet sich Lisbeth Salander im Gefängnis. Und wie in jedem Gefängnis gelten Regeln, die mit denen, wie sie sich der Gesetzgeber gedacht haben mag, wenig gemein haben. Es gilt das Recht des Stärkeren und in diesem Fall ist die Stärkste eine lebenslänglich Verurteilte namens Benito, die jedoch nicht mit Lisbeth Salanders Gerechtigkeitssinn und Durchsetzungskraft gerechnet hat.

Neben der spannend erzählten Handlung zeichnet sich Verfolgung auch als Zeitporträt aus, das einen die vielfältigen Aspekte unserer modernen Gesellschaft vor Augen führt. „Mikael rief seinen Internet-Bowser auf und musste grinsen. Auch welchem Grund auch immer war Ahnenforschung offenbar zu einer Volksbewegung geworden. Er stiess auf unzählige Archive. Fantastisch, wie viele alte Kirchenbücher, Volkszählungsdokumente und Angaben über Ein- und Auswanderer eingescannt und digitalisiert worden waren."

Verfolgung nimmt auch immer wieder Bezug auf Stieg Larssons Trilogie, sei es, dass teilweise dieselben Personen (neben Lisbeth Salander auch der Journalist Mikael Blomkvist sowie der Anwalt und Vormund Holger Palmgren) vorkommen, sei es, dass die Handlung sich Lisbeth Salanders Vergangenheit vornimmt, vor allem ihre Zeit in der psychiatrischen Klinik, als sie im Namen des Staates als Versuchskaninchen missbraucht wurde. Es gehört zu den Stärken von Lagercrantz' Verfolgung, dass dem Leser (wie auch der Leserin), unter anderem die Illusion genommen wird, in gesetzlich kontrollierten Institutionen gehe immer alles rechtmässig zu und her.

Es ist der Vorteil von Thrillern, dass sie viel grundsätzlicher auf Gesellschaftsmiseren aufmerksam machen, viel vorbehaltsloser aufklären und viel radikalere Lösungen vorschlagen können als der meist systemkonforme Journalismus dies vermag. Und zwar nicht etwa schwarz/weiss, sondern differenziert und realitätsnah.

So informiert Verfolgung etwa über die Verhältnisse in Bangladesh („Dort ist der Islam Staatsreligion. Andererseits ist das Land laut Verfassung ein säkularer Staat mit Presse- und Meinungsfreiheit, was natürlich eine unmögliche Kombination ist.") und klärt darüber auf, wie einige muslimische Einwanderer sich in Schweden fundamentalistischer gebärden als sie es wohl in ihrem Heimatland täten.

David Lagercrantz ist ein begabter, fähiger und cleverer Handwerker, der weiss, wie man eine mitreissende Geschichte erzählt und der darüber hinaus mit Lisbeth Salander einen weiblichen Robin Hood geschaffen hat (gradlinig und direkt, ohne die feige Anpasserei, die viele irrtümlicherweise für Zivilisiertheit halten), von der man sich wünscht, dass es sie auch im realen Leben gäbe.

Verfolgung zu lesen, bedeutet zuallererst, mit einer Geschichte mitzufiebern, die es in sich hat. Darüberhinaus bedeutet es, abzutauchen ins moderne Stockholm, mit dem Jazz-Gitarristen Django Reinhardt und der Zwillingsforschung Bekanntschaft zu machen sowie intelligent und anregend unterhalten zu werden.

Verfolgung ist ein erstklassiger Thriller!