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Terror - Wenn Bilder zu Waffen werden

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Für den modernen Terror gelte grundsätzlich, so Charlotte Klonk in der Einleitung zu Terror - Wenn Bilder zu Waffe werden (S. Fischer, Frankfurt am Main 2017): „Nicht der Gewaltakt an sich zählt, sondern die Bilder, die davon in Umlauf gebracht werden." Ein solcher Satz kann wohl nur jemandem in den Sinn kommen, der sein Leben in der Abgehobenheit akademischer Gefilde verbringt. Die Opfer von terroristischen Gewaltakten und ihre Angehörigen und Freunde werden das entschieden anders sehen.

Nun gut, Charlotte Klonk ist Professorin für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin und es ist so recht eigentlich ihr Beruf, die grösseren Zusammenhänge zu sehen, Muster zu erkennen, Tendenzen auszumachen. Und fairerweise gehört erwähnt, dass sie gegenüber dem Schrecken und Horror, den vom Terror Betroffene und ihre Angehörigen erleiden, gar nicht so abgehoben reagiert, wie das in der Einleitung den Anschein machen kann, denn sie schreibt viele Seiten später auch: „Für jede Familie, die auch nur einen einzigen Menschen in einem Attentat verliert, ist das zugefügte Leid unermesslich."

Terror - Wenn Bilder zu Waffen werden ist ein akademisches Buch, es geht darin viel um Definitionen, Abgrenzungen und Klärungen. Das Ergebnis ist häufig wenig befriedigend, so liest man etwa unter dem Titel „Terror als Begriff": „Ein Blick in die mittlerweile recht umfangreiche Terrorismusforschung zeigt aber schnell, dass man sich bei der Verwendung der Begriffe im Grunde nur über eines einig ist, nämlich dass es keine allgemeinverbindliche Begriffsbestimmung und keine umfassenden Deutungsansätze für die so gefassten Phänomene gibt."

Wenig weiss man offenbar auch darüber, wie Bilder wirken. So ergab eine interkulturell angelegte dreijährige britische Rezeptionsstudie, „dass Medienbilder ihre Wirkung nicht per se erzielen, sondern immer im Kontext von Vor- und Einstellungen." Wer hätte das gedacht? Wie so oft bestätigt auch diese Studie, was eh schon alle wussten oder hätten wissen können, so sie denn den eigenen Denkapparat aktiviert hätten.

Fotos wirken weniger durch was sie abbilden als dadurch, wie sie in konkreten Zusammenhängen „gezeigt, angeschaut und instrumentalisiert werden." Das demonstriert Charlotte Klonk an zahlreichen Beispielen überzeugend. Da sie die Bilder, die sie ausgewählt hat (keine leichte Aufgabe!), differenziert analysiert, war ich recht erstaunt, dass sie zu Stan Hondas 'Dust Lady' schreibt, es sei von 'Time Magazine' „zu einem der 25 wirkmächtigsten Bilder erklärt" worden. Wie kann man so eine vollkommen willkürliche Behauptung (wie will man wirkmächtig eigentlich messen?), ohne sie kritisch zu hinterfragen, nur weiter verbreiten?

Wie Fotos gelesen werden, kann man nicht wirklich wissen. Das gilt auch für Bilder im Kontext des Terrors. Unter Bezugnahme auf Aby Warburg behauptet Charlotte Klonk: „Es sind ganz archaische Gefühle wie Angst, Schrecken, Rache und Ruhm, die mit ihnen wachgerufen und bewältigt werden." Dass solche Gefühle wachgerufen werden, kann ich mir gut vorstellen, aber bewältigt?

Bilder werden strategisch benutzt

Dass und wie Bilder im Terrorkampf auf beiden Seiten benutzt und strategisch eingesetzt werden, legt dieses Buch eindrücklich dar. Und natürlich drängt sich die Frage auf, ob es Bilder gibt, die man zeigen und andere, die man nicht zeigen sollte. Nehmen wir den Falling Man, das vielleicht berühmteste Bild, das kaum jemand gesehen hat, wie sein Fotograf, Richard Drew, einmal scherzte. Es zeigt einen Mann, der an 9/11 aus einem der Zwillingstürme in den Tod springt.

„Wenn das Foto des Falling Man hier nur beschrieben und nicht mehr abgebildet wird, so ist der Grund dafür nicht eine irgendwie geartete moralische Anstössigkeit der Aufnahme selbst, sondern der problematische Umgang mit ihm, der erst eigentlich zu Persönlichkeitsrechtverletzungen geführt hat. Um diesen nicht weiter Vorschub zu leisten, ist gelegentlich die Geste des Nicht-Zeigens notwendig, zumindest so lange, wie die Diskussionen noch andauern", schreibt Charlotte Klonk.

Ich sehe das dezidiert anders und denke Susan Sontag hat recht, es gibt „geradezu eine ethische Pflicht, sich Bildern wie diesen auszusetzen." Im Übrigen: Möglicherweise ist es mir ja entgangen, doch von Persönlichkeitsrechtverletzungen war bei den Fotos aus Abu Ghraib nie die Rede. Und nicht zuletzt: Dass viele Terror-Bilder nicht in den Massenmedien zu sehen sind, hat weniger mit deren Verantwortungsgefühl zu tun, als damit, dass mit dem Abbilden grausamer Realitäten weniger Profit zu machen ist als mit einlullender Unterhaltung.

All dieser kritischen Einwände zum Trotz: Dies ist ein wichtiges Buch, mit cleveren Einsichten: „Die Realität einer zuvor erfolgten Repräsentation kann durch keine Gegendarstellung bestritten werden. Negationen dieser Art sind mit Bildern nicht möglich." Eindrücklich führt Charlotte Klonk vor, wie eine Auseinandersetzung mit Terrorfotos aussehen sollte. Befragend, hinterfragend, kritisch kontextualisierend.

Terror - Wenn Bilder zu Waffen werden ist notwendige Bilderaufklärung!