BLOG

Ein langer Weg: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst

04/08/2015 16:23 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 11:12 CEST
GettyImages

Cheryl Strayed wächst im ländlichen Minnesota auf, verliert ihre Mutter als diese gerade einmal 45 Jahre alt ist (Krebs, dabei hatte sie sich doch immer gesund ernährt und weder geraucht, noch getrunken), heiratet jung, lässt sich mit anderen Männern ein, trennt sich von ihrem Mann, spritzt sich Heroin, stösst in einer Buchhandlung auf ein Buch über den 'Pacific Crest Trail' und beschliesst, sich auf die Suche nach der Cheryl zu machen, die sie einmal gewesen ist.

Ihre dreimonatige Wanderung beginnt in Mojave, einer Stadt in der südkalifornischen Wüste, an der das Bemerkenswerteste der Flugzeugfriedhof ist. Im billigsten Motel der Stadt macht sie sich ans mühselige Packen ihres Rucksacks. Und dann will sie ihn aufheben:

„Aufrecht stehend reichte er mir bis zur Taille. Ich bückte mich, um ihn hochzuheben.

Er rührte sich nicht. Ich ging in die Hocke, packte den Rahmen fester und unternahm einen zweiten Versuch. Er rührte sich immer noch nicht. Keinen Zentimeter. Ich stemmte die Beine fest gegen den Boden, umschlang ihn mit beiden Armen und versuchte, ihn unter Aufbietung aller Muskel- und Willenskraft hochzuheben.

Doch er wollte einfach nicht. Genauso gut hätte ich versuchen können, einen VW Käfer hochzuheben. Er sah so süss aus, absolut damit einverstanden, hochgehoben zu werden - und doch war es mir unmöglich."

Es ist ihr Witz, ihr Sinn für Alltagsabsurditäten, ihr pragmatischer Durchhaltewille, der mich für Cheryl Strayeds Umgang mit den Herausforderungen ihrer Wanderung einnimmt, bei der es darum geht, die Wildnis zu erleben.

„Zu erleben, wie es war, kilometerweit zu wandern zu keinem anderen Zweck als dem, Bäume und Wiesen zu sehen, Berge und Wüsten, Bäche und Felsen, Flüsse und Gräser, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge. Für mich war das eine eindrucksvolle und elementare Erfahrung."

Mit ganz Vielem hat sie nicht gerechnet, als sie sich aufmacht. Etwa dass ihr da plötzlich ein Bär oder eine Klapperschlange im Weg stehen könnte. Oder dass noch andere, vor allem Männer, auf dem 'Pacific Crest Trail' unterwegs sein könnten. Einer von ihnen, Albert, ein Familienvater aus Georgia, schlägt ihr vor, ihren Rucksack leichter zu machen und zeigt ihr wie. Sie ist begeistert.

Albert gibt ihr auch einen Eispickel mit. Ob sie auch damit umgehen könne?, wird sie von Greg, einem bestens auf diesen Trail vorbereiteten Alleinwanderer, gefragt. Natürlich nicht. Und so weist Greg sie am nächsten Tag in den richtigen Umgang mit dem Eispickel ein:

„'Was ist, wenn ich mich nicht so lange festhalten kann? Ich meine, ich habe einen Rucksack auf und alles, und ich schaff nicht mal einen einzigen Klimmzug.'

'Sie halten sich fest', sagte er nüchtern. 'Sonst rutschen sie den Berg runter.'

Ich ging ans Werk. Wieder und wieder warf ich mich auf die Böschung, die mit der Zeit immer schlammiger wurde, tat so, als käme ich auf Eis ins Rutschen, und rammte die Haue in den Boden, während Greg zusah, mir Tipps gab und meine Technik kritisierte."

Alleine wandert sie weiter. Immer schon hat sie sich alleine wohlgefühlt, doch alleine und ohne Dach über dem Kopf ist etwas anderes als alleine in einem Zimmer zu sein. Grösser und weiter als je zuvor erscheint ihr die Welt.

„Bis jetzt hatte ich die Weite der Welt nie richtig begriffen - nicht einmal, wie weit ein Kilometer sein konnte - , bis ich jeden Kilometer im Schritttempo wahrnahm. Und doch empfand ich auch das Gegenteil, empfand ich mittlerweile eine seltsame Verbundenheit mit dem Trail, eine Vertrautheit mit den Pinyon-Kiefern und Gauklerblumen, an denen ich vorüberkam, mit den seichten Bächen, die ich durchwatete, obwohl ich sie noch nie gesehen, sie noch nie durchquert hatte."

Aufgrund des vielen Schnees, beschliesst sie, einen Teil des Trails auszulassen. Tom und Doug bieten ihr an, gemeinsam mit ihnen zu wandern. Sie lehnt schweren Herzens ab, obwohl sie „in ihrer Gesellschaft ruhiger war.

Wenn ich Tom und Doug nachts in meiner Nähe wusste, brauchte ich mir nicht ständig 'Ich habe keine Angst' zu sagen, wenn ich in der Dunkelheit einen Zweig knacken hörte oder der Wind so heftig am Zelt rüttelte, dass ich das Gefühl hatte, es müsste gleich etwas Schlimmes passieren. Aber ich war nicht hier draussen, um dieser Angst aus dem Weg zu gehen.

Ich war hier draussen, um mich dieser Angst zu stellen, sie zu überwinden, ja, um alles zu überwinden - alles, was ich mir angetan hatte, und alles, was mir angetan worden war. Das konnte ich nicht, wenn ich mich anderen anschloss."

Cheryl Strayeds „Der grosse Trip - WILD" (Goldmann Taschenbuch, München 2015) ist bewegend und anregend, es ist ein Buch, das Mut macht.

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Lesen Sie auch:

Video:Aussprache: Diese Reiseziele haben Sie immer falsch ausgesprochen

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft