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Stress. Ein Lebensmittel

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Klaus Vedfelt via Getty Images
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Stress gehört zu den Wörtern, die klar negativ konnotiert sind. Und weil dem so ist, gibt es natürlich auch die andere Position, die den Stress positiv definiert. Diese vertritt Urs Willmann, Wissenschaftsredakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit, der von sich selbst sagt, er sei ein Energie-Junkie, der leidenschaftlich arbeitet und extreme sportliche Herausforderungen sucht, am liebsten beim Marathonlauf oder in den Bergen.

Schreibt nun ein solcher Mann ein Buch mit dem Titel Stress. Ein Lebensmittel (Pattloch Verlag, München 2016), so kann man davon ausgehen, dass es sich dabei um ein Loblied auf ein Gefühl handeln wird, dass wohl die meisten als eher nicht so toll, ja als unangenehm empfinden.

Nur eben, vielen wird es wohl ähnlich gehen wie mir: sie haben noch nie wirklich darüber nachgedacht und einfach nachgeplappert, was man gemeinhin so sagt, auf Englisch natürlich, also: Stress, no good!

Urs Willmann sieht das ganz anders, findet Stress nicht nur belebend, sondern gesund (wie immer: in der rechten Dosis) und geradezu überlebenswichtig. Forscher aus den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen "liefern neue Erkenntnisse, die belegen, wozu Stress in der Lage ist: Er macht uns gesund, glücklich und stark, er verlängert das Leben."

Mir gefällt, dass es dieses Buch gibt. Einmal, weil Stress zu Unrecht einen einseitig negativen Ruf geniesst. "Mutter Natur gab uns die Stressreaktion, um uns zu helfen, nicht um uns zu töten", wird der Stanford-Dozent Firdaus Dhabhar zitiert. Vor allem aber, weil Autor Willmann das Thema so ungeheuer breit abhandelt.

Wo der Mann nicht alles Stress sieht!

So lese ich etwa: "Die Handlung eines Kriminalromans liefert uns fast immer eine Parallele zur Stressreaktion." Und ich erfahre, wie Stanley Kubrick ihn sich in Shining zunutze machte. Und lerne, dass die unterschiedlich hohen Türme der toskanischen Stadt San Gimignano womöglich auf stressauslösende Familienfehden zurückgehen

So recht eigentlich gibt es nichts, was der Autor nicht in Verbindung zu Stress bringt. Und natürlich hat er dafür meine volle Sympathie. Als ich vor Jahren die Dokumentarfotografie entdeckte, sah ich auch plötzlich allüberall Zusammenhänge, die mir bis dahin vollkommen entgangen waren.

Etwas Mühe hatte ich jedoch mit all den sogenannten wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Autor anführt. Ich habe noch nie verstanden, wie jemand sich auf die Auswertung von Fragebogen oder Antworten von Probanden glaubt verlassen zu können, denn dies setzt ja seitens der Befragten ein Bewusstsein über eigene unbewusste Vorgänge voraus, das so recht eigentlich gar nicht existieren kann.

Doch was ist eigentlich Stress genau? "Stress ist das, was Stresssysteme aktiviert". Das ist zunächst einmal weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Doch das bringt uns nicht weiter, denn dem Menschen ist aufgegeben, sich zu verhalten, er muss sich also positionieren. Urs Willmanns Position ist: "Wir halten den Stress für einen Feind statt für eine Möglichkeit, uns gegen Gefahren zu wehren."

Stress kann gegen Drogensucht helfen

Die zahlreichen Belege (das Buch ist auch eine ungeheure Fleissarbeit), die er für seine These, dass Stress ein unverzichtbares Lebensmittel ist, anführt, sind nicht nur überzeugend, sondern stimulieren auch, seine wohltuende Wirkung am eigenen Leib zu erfahren, denn "Stress hat das Zeug zum Lebenselixier".

Urs Willmann meint, dass Stress sogar gegen Drogensucht helfen kann. "Wer im Sport, bei der Arbeit oder in der wohltuenden Hektik der Vorfreude Adrenalin und Endorphine ausschüttet, aktiviert wie der Junkie und der Trinker das Belohnungssystem. Um nachhaltig eine zerstörerische Sucht zu bekämpfen, kann man sich daher getrost ein bisschen süchtig machen: nach der Arznei aus dem körperlichen Drogenschrank."

Ein guter und einleuchtender Gedanke, der jedoch möglicherweise übersieht, dass zerstörerische Süchte eher selten mit einleuchtenden Gedanken zu bezwingen sind.

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