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Sterblich sein: Was am Ende wirklich zählt

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Atul Gawande ist Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston. Während seines Studium lernte er zwar eine Menge, aber nichts über Sterblichkeit. "Wir sollten lernen, Leben zu erhalten, und uns nicht um den Tod kümmern, das war - nach unserer Meinung und nach Meinung unserer Professoren - der Zweck unserer Ausbildung."

Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, der Mensch will nicht wahrhaben, was er über sein Schicksal weiss. "Theoretisch wusste ich natürlich, dass meine Patienten sterben konnten, aber jedes Mal, wenn es tatsächlich passierte, kam es mir wie eine unzulässige Ausnahme vor, als seien die Regeln gebrochen worden, nach denen - wie ich glaubte - gespielt wurde. Ich weiss nicht, was genau ich mir unter diesem Spiel vorstellte, aber es waren immer wir, die dabei zu gewinnen hatten."

In der längsten Zeit der Geschichte der Menschheit lebten viele Generationen einer Familie unter einem Dach. Das hat sich geändert. Heutzutage sind Alter und Gebrechlichkeit keine gemeinschaftlichen generationenübergreifenden Aufgaben mehr, sondern werden von spezialisierten Einrichtungen übernommen.

Das unabhängige Selbst

Nein, früher war es nicht besser. Und kaum jemand möchte die Uhr zurückdrehen. "Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Möglichkeit, allein und autonom zu leben, so, wie man es wollte. Diese Tatsache sollte gefeiert werden", schreibt Atul Gawande in Sterblich sein (S. Fischer, Frankfurt am Main 2016). Und er fügt hinzu: "Vielleicht gibt es die Verehrung der Alten nicht mehr; aber an die Stelle ist nicht die Verehrung der Jugend getreten, sondern die Verehrung des unabhängigen Selbst."

Dieses unabhängige Selbst mag ein Ideal sein, Realität ist es nicht. Nach wie vor sind wir aufeinander angewiesen und das zeigt sich spätestens dann, wenn das selbstbestimmte Dasein durch Krankheiten, Gebrechlichkeit und Schwäche unmöglich geworden ist.

In Sterblich sein erzählt Atul Gawande davon, wie Menschen mit den Einschränkungen durch Alter und Krankheit umgehen. Vor allem aber setzt er sich mit der Frage auseinander, wie man ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man schwach und gebrechlich ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann.

Was wünschen sich Sterbende?

Das hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit wir glauben, zur Verfügung zu haben. "Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern die Perspektive, der Blickwinkel, die Einstellung zum Leben." Um herauszufinden, was Sterbende sich wünschen, sollte man sie fragen. "Was sind Ihre grössten Ängste und Befürchtungen? Was wollen Sie im Leben noch erreichen? Was ist Ihnen am wichtigsten, worauf können Sie verzichten und worauf keinesfalls?"

Es geht darum, dass Sterbende ihr Leben, im Rahmen des Möglichen, weiterhin selbst gestalten können. Das verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und die können natürlich auch falsch sein. Die Frage ist, "welche Fehlentscheidung wir mehr fürchten: die zur Verlängerung von Leiden führt, oder diejenige, die wertvolles Leben verkürzt"?

Wie der Untertitel treffend sagt, ist dies ein Buch über "Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung". Atul Gawande setzt sich damit anhand von Krankengeschichten auseinander. Auch mit derjenigen seines Vaters. Vor allem an dieser sehr persönlichen Geschichte wird deutlich, eindringlich und höchst berührend, dass es kein Patentrezept für ein gutes Sterben gibt.

Sterblich sein
zeigt überzeugend, dass "die Auseinandersetzung mit den Beschränkungen unserer Biologie, mit den Grenzen, die uns von Genen und Zellen und Fleisch und Knochen gesetzt sind" nicht nur lohnt, sondern ausgesprochen hilfreich ist.

Sterblich sein ist ein wichtiges Buch!