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Staub zu Staub, Asche zu Asche

28/05/2017 17:04 CEST | Aktualisiert 28/05/2017 17:04 CEST

Als die australische Schriftstellerin Cory Taylor erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, kauft sie sich über das Internet ein Medikament in China, mit dem sie ihrem Leben ein Ende setzen kann. Es wäre auch möglich gewesen, hält sie in Sterben. Eine Erfahrung (Allegria Verlag, Berlin 2017) lakonisch fest, nach Mexiko oder Peru zu reisen, wo man es auch ohne Rezept bei einem Tierarzt hätte kaufen können.

„Ich kam mir vor, als sei ich aus einer Scheinwelt unversehens in die Wirklichkeit gestolpert." Und in dieser könnte der Umgang mit dem Tod und dem Sterben unterschiedlicher kaum sein. Die meisten sprechen nicht darüber, doch es gibt auch diejenigen, die sich über Sterbehilfe kundig machen. Cory Taylor schliesst sich Exit International an. „Die Exit-Treffen sind meiner Erfahrung nach die einzigen Gelegenheiten, bei denen Menschen über den Tod als Tatsache des Lebens reden können."

Es versteht sich: Eine Auseinandersetzung mit dem Tod ist auch immer eine mit dem Leben, das man lebt und gelebt hat. Hätte nicht alles auch ganz anders verlaufen können? „Das Problem mit Tagträumen ist, dass man immer glaubt, genau zu wissen, wie das ungelebte Leben verlaufen wäre. Selbstverständlich immer als bessere Version des Lebens, das man tatsächlich lebt."

Cory Taylor trifft sich mit anderen aus der Exit-Gruppe zu Gesprächen, nimmt Palliativpflege in Anspruch, sucht eine Psychologin auf, von der sie sich jedoch mehr erwartet hat, als den Hinweis auf Achtsamkeitsübungen. „Ich habe gelesen, dass das Gewerbe des Psychologen zu den etwa vierzig Berufen gehört, die in naher Zukunft vermutlich verschwinden werden, nebst Busfahrer und Empfangsdame im Hotel. Forschungen zufolge sind die Menschen heute mitteilsamer, was ihre Probleme angeht, wenn sie virtuell, nicht von Angesicht zu Angesicht miteinander kommunizieren."

Auch an Selbstmord denkt sie. Was sie davon abhält, sind einerseits die australischen Gesetze (Sterbehilfe ist in Australien nicht erlaubt) und andererseits der Gedanke an den Kollateralschaden, mit dem sich die Familie und andere auseinanderzusetzen hätten. Sie will anderen nicht wehtun, auch nicht unabsichtlich. An ein Leben nach dem Tod glaubt sie nicht. „Staub zu Staub, Asche zu Asche - das fasst es für mich ganz gut zusammen."

Was ihr unter anderem hilft, ist das Schreiben. „Das Schreiben - auch wenn es die meiste Zeit nur im Kopf stattfindet - formt die Welt und macht sie erträglich." Und sie hofft, durch das, was sie geschrieben hat, in Erinnerung zu bleiben, weshalb sie sich denn auch von der Warnung leiten lässt: „Erzähle deine Geschichte selbst, oder jemand anders wird es tun."

Cory Taylor ist offen und neugierig, überlegt sich viel. Sie ist keine regelmässige Kirchgängerin, religiöse Überzeugungen hat sie nicht. Auch glaubt sie nicht, dass Gott einen Plan für uns hat. „Ich glaube, unsere Spezies masst sich an, gottähnlich zu sein, hat aber eine animalische Natur, und meiner Meinung nach ist der Mensch von allen Tieren, die auf Erden wandeln, das gefährlichste."

Sterben. Eine Erfahrung besticht durch Cory Taylors nüchternen Blick, durch ihren Witz und durch ihren Mut, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Und ja, sie gibt uns auch einen guten Rat. Er stammt aus dem Jahr 1716, aus dem Ehrenkodex der Samurai: „Es ist töricht, sein Leben mit Kämpfen, Sorgen und Dingen zu verschwenden, die man nicht tun will; schliesslich ist dieses Leben wie ein Traum, so kurz, so vergänglich."

Ein berührendes, eindrückliches und hilfreiches Buch.

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