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Selber Schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

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"Selber schuld!", schreibt der Autor in seiner Einführung (Pattloch Verlag, München 2013), möchte als "bewusste therapeutische Provokation zum Nachdenken anregen" und das ist etwas schade, weil es zu harmlos klingt und, angesichts des Bonmots "Nach einer Psychotherapie machen die Leute dasselbe wie vorher - nur ohne schlechtes Gewissen", viel mehr als nur eine Provokation sein sollte und es letztendlich auch ist, denn es fordert unmissverständlich, Verantwortung zu übernehmen. Sicher, das gehört mit zum Schwierigsten überhaupt, doch das ist noch lange kein Grund, dem Hang zum Bequemen nachzugeben.

Schuld ist heute niemand mehr, denn wir leben in therapiefreundlichen Zeiten, wo "Schuld" für viele fast ein "dirty word" ist. Doch meint Raphael Bonelli: "Schuldbewusstsein, Schuldgefühle, Gewissensbisse und ein 'schlechtes Gewissen' sind an und für sich Zeichen für psychische Gesundheit." Um sich dies zu verdeutlichen, empfiehlt es sich, an Leute vor Gericht zu denken, denen jegliches Unrechtsbewusstsein völlig abgeht: Sie kommen uns wie Monster vor.

Wann sprechen wir von Schuldgefühlen? Wenn die eigenen Handlungen nicht mit den eigenen Prinzipien übereinstimmen. Anders gesagt: Schuldgefühle sind nötig, damit wir uns entwickeln. Zudem gilt: "Je mehr man seine Schuld verdrängt, desto mehr verliert man das Du aus den Augen. Aber im Ich gefangen wird der Mensch nicht glücklich."

Immer mal wieder wird in diesem Buch Paul Watzlawick zitiert und so soll er auch hier zitiert werden: "Was uns Gott, Welt, Schicksal, Natur, Polizei, Lehrer, Ärzte, Chefs oder besonders Freunde antaten, wiegt so schwer, dass die bloßee Insinuation, vielleicht etwas dagegen tun zu können, schon eine Beleidigung ist."

Dass Selbsterkenntnis der Schlüssel zur Besserung ist, wissen wir alle, doch nur wenige praktizieren sie auch. Die Regel sind hingegen Selbstbetrug und Lebenslügen. "The first principle is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool", so beschrieb Richard P. Feinman einmal das wissenschaftliche Arbeiten. In demselben Bewusstsein sollten Probleme ganz generell angegangen werden.

"Selber schuld" ist ein Buch ganz nach meinem Geschmack: Es erläutert anhand von Beispielen aus der Weltliteratur, dass Schuld zur Realität des Menschen gehört, es klärt auf (unter anderem darüber, dass Egozentrik von vielen als normal empfunden wird), und es bezieht Position ("Es ist völlig normal, schuldig zu werden.").

In Bezug auf Alkoholismus (auch eine Ego-Krankheit) hält Bonelli treffend fest: "Erst wenn dieser Teufelskreis aus Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität und Selbstmitleid durchbrochen ist, ist Abstinenz möglich."

Ich habe "Selber schuld!" auch als Zeitdiagnose gelesen: "Wir leben zunehmend in einer perfektionistischen Gesellschaft - mit Nulltoleranz gegen Fehler. Das macht einerseits das Leben wirklich fad, und andererseits ist dadurch Bluffen an der Tagesordnung." Und denke, dass die Ego-Zentriertheit des modernen Menschen (das übertriebene Sich-Mit-Sich-Selbst Beschäftigen) so recht eigentlich ein Rezept fürs Unglücklichsein ist.

PS: Gewidmet ist "Selber schuld!" allen Gescheiterten - "auf dass ihr Scheitern Frucht bringe."