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Schmerz: Ein schillernder, unfassbarer Begleiter des Lebens

02/04/2015 12:01 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Schmerz - Harro Albrecht ist gelernter Arzt und seit zwanzig Jahren Medizinjournalist. "Sollte in einer Bahn oder in einem Flugzeug jemand einen Herzinfarkt erleiden, könnte ich darüber einen Artikel verfassen. Ob ich medizinisch mehr als eine stabile Seitenlage hinbekäme, ist sehr fraglich." Mit anderen Worten: "Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte" (Pattloch Verlag, München 2015) ist ein erfreulich persönliches Buch.

Höchst beeindruckend ist die ungeheure Fülle an Material die Eingang in dieses Werk gefunden hat, auch wenn man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor verliere sich gelegentlich darin, was natürlich auch daran liegen mag, dass sich die Schmerzforschung nicht geradlinig entwickelt hat. "Selbst heute sind sich die Gelehrten nicht sicher, welcher Sphäre sie den Schmerz zuschlagen sollen. Mal wird er eher in den Molekülen verortet, dann wieder in der Psyche."

Doch was ist eigentlich Schmerz? Eine höchst subjektive Empfindung und nicht objektiv messbar. Weshalb denn auch Medikamente nicht immer helfen. Dazu kommt, und das belegen die Schicksale von schmerzfreien Menschen (das beruht auf einem extrem seltenen genetischen Defekt), dass der Schmerz ein notwendiges Übel ist.

Lange Zeit glaubten die Ärzte, der Schmerz sei ein einfaches Warnsignal und relativ leicht in den Griff zu kriegen. "Mittlerweile erscheint dieses Phänomen als schillernder, unfassbarer Begleiter des Lebens, der sich selbst raffinierten Gegenangriffen erfolgreich entzieht."

Ohne Gehirn kein Schmerz

"Ohne Gehirn kein Schmerz" sei, so Harro Albrecht, das Credo unseres Hirnzeitalters. Damit ist gemeint, dass es ohne Bewusstsein keinen Schmerz gebe. Und was ist mit dem Unbewussten? "Heute ist bekannt, dass nur fünf Prozent unserer Handlungen auf bewusste Entscheidungen zurückgehen, fünfundneunzig Prozent aller Prozesse in diesem Zentralorgan finden unbewusst statt."

Heute bedeutet der Kampf gegen den Schmerz vor allem "die Suche nach einem neuen Molekül, irgendeiner Substanz, die den Patienten möglichst wirksam und nebenwirkungsarm Linderung verschafft." Doch das heißt nicht, dass alte Vorstellungen völlig aufgegeben worden sind. So hält sich etwa die Idee einer gestörten Balance, die wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll genauso wie die christliche Vorstellung vom Schmerz, der ertragen werden werden muss.

Dass das Ertragen von Schmerz auch eine kulturelle Dimension hat, zeigt die Aussage eines Arztes aus dem israelischen Be'er Scheva. "Wir hatten hier viele Frauen aus Äthiopien. Als die hier Kinder bekamen, waren sie sehr beherrscht. Jetzt, in der zweiten Generation, schreien die Migrantinnen so laut wir die israelischen Frauen."

Höchst aufschlussreich ist auch, was der Autor unter dem Titel "Geselligkeit statt Aspirin" aufgezeichnet hat. Etwa wie der Theologe Ivan Illich, der unter einem Tumor litt und sich trotz Schmerzen der ärztlichen Therapie verweigerte. "Was Illich vor allem half, waren Geselligkeit, Freundschaft und etwas, das weit über die Verbindung zwischen zwei Menschen hinausgeht: Philia." Und er führt unter anderem aus, dass Selbsthilfegruppen oder gemeinsames Musizieren geeignet sind, Spannungen und womöglich auch den Schmerz zu lösen.

"Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte" ist kein Ratgeber. Es ist ein sehr informatives Werk, das uns hilft, die Prozesse in unserem Körper zu verstehen. Darüber hinaus ist es ein Buch, das den Schmerz in den Lebenszusammenhang stellt. "Schmerz ist nicht nur Leid, sondern auch Ausgangspunkt für Freude und Motor der kulturellen Entwicklung. Ohne Schmerz herrscht Stillstand."


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