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Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung

19/09/2015 09:41 CEST | Aktualisiert 19/09/2016 11:12 CEST
Atypeek via Getty Images

Die Kritiken, die ich über Russell Brands "Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung" (Heyne Hardcore, München 2015) gelesen habe, sind vernichtend.

Der "Guardian" nennt es das "bekloppte Credo eines Beverly Hills Buddhisten" und bezeichnet des Autors Schreiben als "grauenhaft: umständlich, konfus und selbstgefällig; voll von Referenzen zu Büchern, die Brand halb gelesen, und zu Denkern, die er halb verstanden hat". Und "Spiegel Online" meint: "Viele von Brands Gedanken sind gar nicht mal falsch, sie sind schließlich schon von vielen vor ihm so ähnlich formuliert worden. So schlicht allerdings noch nie."

Mich erinnern solche Kritiken immer an herrische Lehrer. An Büchern, die ihnen missfallen, könnte was dran sein, denke ich mir dann. Und Russell Brands "Revolution" beschert uns in der Tat Bedenkenswertes.

Etwa: "So gehört es zu meinem Trainingsprogramm, wenn möglich jeden Tag etwas für jemand anderen zu tun. Falls Ihnen das jetzt allzu offensichtlich erscheint, hatten Sie wahrscheinlich noch nie ein Suchtproblem." Oder: "Mir scheint, dass unsere atomisierte, säkulare Kultur das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit unterdrückt."

Schon nach wenigen Seiten fällt mir positiv auf, dass ich auf das berühmte, höchst hilfreiche Gebet des heiligen Franziskus stoße: "... nur wer sich hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergisst, der findet ...". Und auch, dass Joseph Campbell, einer meiner bevorzugten Denker, Erwähnung findet: "Wenn man herausfinden will, worauf eine Gesellschaft den größten Wert legt, muss man sich nicht lange mit Kunst oder Literatur beschäftigen, sondern einfach nur einen Blick auf die größten Gebäude werfen."

Die größten Gebäude, das sind heutzutage bekanntlich die Shoppingcenter, in denen "Konsumenten, früher auch 'Menschen' genannt" am liebsten ihre Zeit verbringen.

Bei seinen Ausführungen über Gott und die Welt kommt Russell Brand auch immer wieder auf seine Alkoholabhängigkeit und seine Drogensucht zu sprechen.

"Meine einzige Möglichkeit, alkohol- und drogenfrei zu leben, ist, mich in Demut, Wachsamkeit und mit Unterstützung durch Dritte von einem Tag zum nächsten zu hangeln."

"Unser Problem sind nicht Drogen und Alkohol. Unser Problem ist die Realität, und Drogen und Alkohol sind unsere Lösung für dieses Problem", hat er von einem anderen Alkoholiker gelernt. Doch irgendwann einmal taugen diese Lösungen nicht mehr, irgendwann einmal werden sie zum Problem.

Sich auf die Realität einzulassen, bedeutet auch zu erkennen, dass wir alle nicht so wahnsinnig speziell sind und es hilfreich ist, uns im größeren Lebenszusammenhang zu sehen.

"Es gibt keine Rituale und Mythen mehr, die uns an unser gemeinsames Schicksal und gemeinsame Bedürfnisse erinnern - selbst wenn unser gemeinsames Schicksal nur darin besteht, dass wir sterben müssen, und unser gemeinsames Verlangen darin, am Leben bleiben zu wollen."

Dass wer etwas ändern will, auf nicht geringe Widerstände stoßen wird, das kennt Brand aus seiner aktiven Suchtzeit. Er hat aber eben auch erlebt, dass sich diese Widerstände überwinden lassen. Und ist nun überzeugt, dass sich seine individuelle Erfahrung auch auf die Gesellschaft übertragen lässt.

"Und natürlich sind sie, sobald wir Alternativvorschläge machen, die ihnen nicht in den Kram passen, schnell mit Aussagen zur Hand, so etwas sei unmöglich, völlig undurchführbar, naiv, minderbemittelt, nazimäßig. Sie lassen nichts unversucht, um die Einsicht zu verhindern, dass eine grundlegende Veränderung ebenso notwendig wie unvermeidlich ist."

Von Wahlen und Abstimmungen hält Russell Brand wenig (sie dienen allein der Aufrechterhaltung des bestehenden Systems), von der Kraft der Imagination hingegen viel. Als er einmal den Wikileaks-Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London besucht, überlegt er sich: "Wenn wir uns vorstellen können, dass mitten in London ein Stück Ecuador existiert oder dass es mitten in einem Krieg einen Moment des Friedens geben kann, dann sollten wir doch auch in der Lage sein, uns eine gerechtere Welt vorzustellen und den Entschluss zu fassen, in einer solchen zu leben."

Übrigens: "Eine Revolution zu fordern ist kein Wahnsinn. Die herrschenden Zustände sind der schiere Wahnsinn."

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