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Oliver Sacks: Biker, Neurologe, Gewichtheber, Autor

19/08/2015 11:06 CEST | Aktualisiert 19/08/2016 11:12 CEST
Chris McGrath via Getty Images

Ich kenne den Neurologen und Autor Oliver Sacks, berühmt geworden durch seine medizinischen Fallgeschichten, nur als glatzköpfigen Mann mit weißem Bart und bin deswegen ganz verblüfft, als mir ein junger Typ in Ledermontur auf einem Motorrad vom Titel seiner Autobiografie entgegenblickt.

Gleich zum Auftakt macht er klar, wie viel ihm das „on the move", so der Titel (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015), bedeutet. Und er klärt auch gleich darüber auf, dass er homosexuell ist und wie hilflos seine Familie darauf reagierte.

In den fünfziger Jahren in Großbritannien homosexuell zu sein, war nicht nur nicht einfach, sondern gefährlich. „Wurde man entdeckt, konnte das zu hohen Geldstrafen, Gefängnis oder, wie in Alan Turings Fall, zu chemischer Kastration durch Zwangsverabreichung von Östrogen führen."

Den jungen Mediziner Sacks, um dem Wehrdienst zu entgehen und auch „weil ich von meinem tragischen, hoffnungslosen und falsch behandelten Bruder fortkommen wollte" (dieser litt unter Schizophrenie), zog es nach Kanada, dann in die USA, zuerst nach San Francisco, dann nach Los Angeles

Dass Motorradfahren nicht ungefährlich ist, Weiß jeder. Doch dass es Leute gibt, bei denen der Anblick von Bikes oder Bikern zu einem irrationalen Hass führt, „der sie unter Umständen zu törichten oder gefährlichen Handlungsweisen anstachelt", war mir bislang nicht bekannt. Sacks schildert zwei solche Vorfälle, bei denen ganz leicht Schlimmes hätte passieren können - und wie er sich gewehrt hat. Er schildert das besser als viele Thriller.

Nebst dem Motorradfahren gehörte seine Begeisterung dem Gewichtheben. Um Gewicht zuzulegen, legte er sich eine eindrückliche Diät zu: fünf doppelte Cheeseburger und ein halbes Dutzend Milchshakes pro Abend begleitet von harten Training.

Wie kommt ein Neurologe dazu, obsessiv Gewichtheben zu betreiben? Dazu Sacks: „ ... ich war schüchtern, gehemmt, unsicher, ängstlich. Ich wurde stark - sehr stark - mit der Gewichtheberei, musste aber feststellen, dass sich mein Charakter nicht im Geringsten verändert hatte." Als er viele Jahre später mit einem Sehnenriss im Spital lag, besuchte ihn Dave, ein Freund aus den Muscle-Beach-Tagen, dessen Körper durchs Gewichtheben genau so Schaden genommen hatte. „'Was sind wir beide bloß für Idioten gewesen', sagte Dave. Ich nickte zustimmend."

Oliver Sacks ist ein neugieriger Mann und so experimentiert er auch mit Drogen. Und wird abhängig von Amphetaminen. „Ich spürte, dass meiner Sucht und Selbstzerstörung tiefe psychologische Ursachen zugrunde lagen und dass ich immer wieder zu Drogen greifen und mich über kurz oder lang umbringen würde, wenn diese Probleme nicht angesprochen würden."

Er sucht Hilfe und findet sie bei einem Therapeuten, der kaum älter war als er selber und der ihm unmissverständlich klar machte, dass eine Analyse nur klappen könne, wenn er die Drogen aufgäbe. Und das tat er dann auch. „Ich haben nie wieder Amphetamine genommen - obwohl ich gelegentlich heftiges Verlangen nach ihnen verspürte (das Gehirn eines Drogenabhängigen oder Alkoholikers erleidet lebenslange Veränderungen; die Möglichkeit, die Versuchung eines Rückfalls lassen ihn nie wieder los)."

Als er mit „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" auf der Bestsellerliste der New York Times landete, blieben viele seiner neurologischen Kollegen distanziert. Sie hielten sich für ernsthafter als ihn und waren doch nur neidisch.

Sehr berührend ist, wie er vom frühen Tod ihm nahestehender Freunde sowie von seiner Verbundenheit mit W.H. Auden und Stephen Jay Gould berichtet. Letzterer drückte einmal in einem Essay aus, was auch von Oliver Sacks hätte stammen können: „Menschen sind in erster Linie Geschichten erzählende Wesen. Wir organisieren unsere Welt als eine Reihe von Erzählungen ....".

„On the Move" ist gut geschrieben, bewegend und witzig (die Fußnote zu seinem Geständnis, dass er fünfunddreißig Jahre keinen Sex hatte, ist von kaum zu überbietender Komik). Oliver Sacks ist ein außergewöhnlich begabter Geschichtenerzähler, der einen immer wieder zu verblüffen weiß. „Ich bin ein Zigeuner und überlebe - ziemlich bescheiden und prekär - mit Gelegenheitsjobs, die ich hier und da bekomme."

Ein spannendes und bereicherndes Buch über ein ereignisreiches Leben.

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