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Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit

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Natascha Kampusch war 10 Jahre alt, als sie 1998 auf dem Schulweg entführt wurde. Acht Jahre war sie in der Gewalt ihres Entführers, bevor ihr die Flucht gelang. Zehn Jahre sind seither vergangen. Und von diesen zehn Jahren berichtet sie in ihrem Buch 10 Jahre Freiheit (List Verlag, Berlin 2016), das sie zusammen mit Heike Gronemeier verfasst hat.

Stellt man sich unter einem Leben in Freiheit ein weitgehend selbstbestimmtes Leben vor, so kann man den Buchtitel 10 Jahre Freiheit auch ironisch verstehen. "Die über einen halben Meter dicken Mauern aus Schutt, Beton und Metall wurden nach meiner Selbstbefreiung ersetzt durch andere Mauern."

Die meisten Menschen hatten Vorstellungen von ihr. Und darüber, was vorgefallen war. Und darüber, wie sie sein und empfinden und sich verhalten sollte. "Nach dem Ende meiner Gefangenschaft war ich überfordert davon, den Bedürfnissen, Erwartungen und Zuschreibungen der verschiedensten Leute gerecht zu werden. Ich glaubte, ich müsste sie erfüllen, ich müsste verstehen und annehmen, was andere für richtig halten."

Doch sie wehrt sich dagegen, beharrt auf ihrem eigenen Weg, will sich selber bleiben. Auch wenn sie durchaus weiss, dass einige es gut mir ihr meinen. Andere wollen sie jedoch nur zu ihrem eigenen Ruhm benutzen.

Die Rolle der Medien

Eine besonders unerfreuliche Rolle spielten die Medien, die sie und alle um sie herum (von den Polizisten, die sie erkennungsdienstlich behandelten bis zu den Betreuern der psychosozialen Dienste) regelrecht belagerten und mit viel Geld zu ködern versuchten.

"Man konnte mich nicht so stehen lassen, wie ich bin, und auch das Erlebte nicht so stehen lassen, wie es war. Damit wurde ich wieder zum Objekt gemacht, zur Projektionsfläche für die Gedanken und Vorstellungen anderer. In Gefangenschaft bin ich genau das gewesen. Eine Art Modelliermasse, vermeintlich formbar nach den Wünschen des Täters, der glaubte, er könnte ein Stück weit Gott spielen. Draussen war ich wieder Modelliermasse."

Bernd Eichinger will ihr Buch 3096 Tage verfilmen. Sie ist skeptisch, ein erstes Treffen endet wenig erfreulich, bei einem zweiten wird es spannend. Dann stirbt Eichinger, die Regisseurin Sherry Hormann übernimmt. "Im Film selbst war von Eichingers Ideen und seinem fragmentarischen Drehbuch nichts mehr vorhanden."

Eine starke Frau

Das Bild, das die Öffentlichkeit von Natascha Kampusch hat, ist von den Medien geprägt. Mit 10 Jahre Freiheit gibt sie Gegensteuer, schildert sie ihre Sicht der Dinge. Denn die meisten Medien denken in Schwarz und Weiss, teilen die Welt in Gut und Böse, sind um des Profits willen da. Sie aber will selber entscheiden, was von ihr an die Öffentlichkeit gelangen soll.

"Und nur, weil ich damit nicht hausieren gehe, wie schlecht es mir manchmal geht, wie dunkel manche Tage sind, heisst es nicht, dass es diese Tage nicht gibt. Für mich ist jeder neue Tag eine Gratwanderung. Ein Ausloten, was ich heute bewältigen kann und was nicht."

Sie will anderen helfen, engagiert sich in Sri Lanka beim Aufbau einer Kinderklinik. Zurück in Wien wird sie von einem Journalisten gefragt, ob sie an einer Art Helfersyndrom leiden würde. "Es ist im Sinne der Ethik geboten, das Notwendige zu tun, das getan werden muss. Wenn ich die Möglichkeit dazu habe, sehe ich es als richtige und wichtige Aufgabe an, nichts unversucht zu lassen." Details dazu finden sich im Buch.

Natascha Kampusch ist nicht nur eine starke und kluge, sondern auch eine erstaunlich reife Frau.