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Narconomics: Ein Drogenkartell erfolgreich führen

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Der globale Drogenhandel ist ein lukratives und hart umkämpftes Geschäftsfeld, der geschätzte Jahresumsatz beläuft sich auf rund 300 Milliarden Dollar, lese ich in Narconomics. Ein Drogenkartell erfolgreich führen (Karl Blessing Verlag, München 2016) des Wirtschaftsjournalisten Tom Wainwright, der sich aufgemacht hatte, diesen Wirtschaftszweig, von der Herstellung bis zum Verkauf der Drogen, zu untersuchen.

Betrachtet man die Drogenindustrie aus ökonomischer Sicht, so stellt man fest, dass sie so recht eigentlich wie jede andere Branche auch funktioniert. Da geht es um Personalführung, logistische Fragen, zuverlässige Lieferanten und um die Umschiffung staatlicher Auflagen. Und natürlich spielt auch die Zufriedenheit der Kunden eine zentrale Rolle.

Klar doch, es versteht sich: Das Drogengeschäft ist nicht wie jedes andere. Schliesslich sind die Substanzen, mit denen gehandelt wird, illegal. Und deswegen wird dieser Handel auch von Staats wegen bekämpft. Der sogenannte "War on Drugs" führte 2010 in Mexiko zu über 20 000 Ermordeten. "Das Jahr darauf war noch gewaltsamer. In den Nachrichten wurde kaum noch über etwas anderes berichtet: jede Woche neue Geschichten von korrupten Polizisten, Attentaten auf Beamte und zahllosen Massakern an narcotraficantes, die sich gegenseitig abknallten oder von der Armee aufgebracht wurden."

Was soll das also bringen, volks- und betriebswirtschaftliche Analysemethoden auf Drogenkartelle anzuwenden? "Das Versagen, die Ökonomie der Drogenkartelle zu begreifen ... hat dazu geführt, dass die Regierungen Geld- und Menschenleben in Massnahmen investieren, die nicht funktionieren." Anders gesagt: Wer die Kartelle in die Schranken weisen will, muss sie vor allem als Wirtschaftsunternehmen begreifen, so die These von Narconomics.

Vier grosse ökonomische Fehler

Laut Tom Wainwright begehen "Regierungen von La Paz bis London immer wieder dieselben vier grossen ökonomischen Fehler". 1) Die Unterdrückung der Produktion führt zu Preissteigerungen und damit zu einem profitableren Markt. 2) Kurzzeitdenken. Wenn Gelder gespart werden müssen, geht das immer auf Kosten der Rehabilitierung und der Suchtbehandlung. 3) Drogenbekämpfung geschieht meist auf nationaler Ebene und erlaubt den Kartellen, von einem Rechtsraum zum anderen zu wechseln. 4) Prohibition wird mit Kontrolle verwechselt.

In Narconomics. Ein Drogenkartell erfolgreich führen werden diese Argumente mit Leben gefüllt. In den Anden erfährt der Autor, dass nur die armen Bauern unter den Kahlschlagstrategien der Drogenbekämpfer zu leiden haben. Im mexikanischen Juárez erlebt er nahezu menschenleere Strassen, auf denen die Menschen äusserst vorsichtig zu fahren scheinen. "Ich frage Miguel, warum er beim Halten an den Ampeln so viel Platz zum nächsten Auto lasse. 'Falls es zu einer Schiesserei kommt', sagt er und zuckt mit den Achseln." In El Salvador lernt er, dass die beiden führenden Strassenbanden sich in Kalifornien formiert hatten, "zum Zwecke der Selbstverteidigung, des Drogenhandels und der Schutzgelderpressung."

À propos El Salvador: Im März 2012 schlossen die beiden tonangebenden Strassenbanden einen Waffenstillstand. Die Mordraten sanken. In Mexiko, wo sich der Wettbewerb unter den Drogenkartellen zunehmend verschärfte, stieg die Anzahl der Morde massiv.

Die gegenwärtige Drogenpolitik funktionert nicht. Das weiss jeder (und jede). Sie tut genau dasselbe, was auch Drogensüchtige tun: Sie verschliesst sich den eigenen Einsichten. Und so geht der sogenannte "War on Drugs" weiter. Obwohl, die Beispiele aus Colorado, Portugal und der Schweiz lassen hoffen ...

Narconomics. Ein Drogenkartell erfolgreich führen plädiert für eine neue Drogenpolitik, in welcher der Fokus auf die Nachfrage (und nicht auf das Angebot) gelegt wird, Geld für die Prävention (und nicht für die Strafverfolgung) investiert wird, global (und nicht national) vorgegangen wird und Drogen legalisiert (und damit kontrolliert) werden.

Narconomics. Ein Drogenkartell erfolgreich führen leistet notwendige Aufklärungsarbeit.