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Lügen die Medien?

03/10/2017 16:03 CEST | Aktualisiert 03/10/2017 16:08 CEST

Wer die Funktionsweise der Medien nicht versteht, versteht die Welt nicht, denn fast alles, was wir von der Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Vielfältige und hilfreiche Aufklärung darüber, wie diese Medien funktionieren, liefert das von Jens Wernicke herausgegebene Medienkritik-Kompendium Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung (Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017), „dessen feste Absicht es ist. parteiisch für die immer grössere Anzahl der Armen und Ausgegrenzten im Lande zu sein, ein Buch, das nicht den im Auftrage der Macht agierenden und propagierenden 'Experten', sondern jenen, die bereits seit langer Zeit glaubwürdig im Geiste der Gesamtgesellschaft handeln, das Wort erteilt, ist so wichtig wie selten zuvor."

Zu diesen Glaubwürdigen gehören laut Jens Wernicke Journalisten wie Walter van Rossum, Wissenschaftler wie Noam Chomsky sowie „wichtige Stimmen aus der Zivilgesellschaft". Am Rande: „Zivilgesellschaft" ist eine Bezeichnung, die ich mir nicht zu eigen machen will - es gibt wahrlich bereits genug wenig hilfreiche Unterscheidungen, die letztlich nur auf Ab- und Ausgrenzungen hinauslaufen.

Untersuchungen hätten gezeigt, so der Kieler Universitätsprofessor Rainer Mausfeld, dass eine überwiegende Mehrheit das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Tageszeitungen nicht verdächtigen, absichtlich zu lügen, sondern sie für glaubwürdig halten. Er vermutet, dass der Grund für diese Einschätzung „angesichts der grotesken und eigentlich offenkundigen Verzerrungen ihrer Berichterstattung über relevante politische Ereignisse" in der „bereits erfolgten Indoktrination" der Mediennutzer liegt.

Doch nicht nur die Mediennutzer, sondern wir alle werden auf die herrschenden gesellschaftlichen Werte getrimmt - man denke an die Schule, an den Beruf, an die Konsumideologie, die uns alle zu Konformisten machen. Treffend argumentiert Walter van Rossum: „Im Gegensatz zu früheren Herrschaftssystemen ist der bürgerliche Mensch inzwischen mit seiner eigenen Unterdrückung regelrecht identifiziert. Und dass der Journalismus dabei die letzte Bastion unkontrollierter Freiheit sein soll, nur weil das in irgendwelchen Gesetzen steht, mutet doch ziemlich phantastisch an."

Lügen die Medien? ist so recht eigentlich eine Frage, die tendenziell in die Irre führt, sofern unter Lügen ein bewusstes Irreführen seitens der Journalisten verstanden wird. Das kann vorkommen, ist jedoch sicher nicht die Regel. Das sagt mir der gesunde Menschenverstand. Ist mit Lügen jedoch ein Unterlassen gemeint, also das Nicht-Berichten von Vorgängen, die von allgemeinem Interesse sein sollten beziehungsweise der herrschenden Meinung zuwiderlaufen, ist die Antwort eben so klar: Natürlich passiert das. Andauernd.

Zu tun hat das mit der staatserhaltenden Rolle der Medien in der Gesellschaft, die über ganz viele Filtermechanismen verfügt, die garantieren, dass 'das Richtige' berichtet wird. „Wer das Falsche denkt, ist von vorneherein von gewissen Machtpositionen ausgeschlossen", bringt es Noam Chomsky auf den Punkt. Und Rainer Mausfeld sagt: „Wir schwimmen in der herrschenden Ideologie wie Fische im Wasser und bemerken sie daher gar nicht mehr."

Jens Wernicke weist in seinem Resümee darauf hin, dass zwischen Meinungs- und Pressefreiheit unterschieden werden müsse. Die individuelle Meinungsfreiheit hält er für „noch weitgehend gewährleistet", diejenige der Journalisten hingegen - die sogenannte Pressefreiheit - beurteilt er als erheblich beschränkt. „Die Meinungsfreiheit von Journalisten ist viel zu häufig eine Illusion, wirklich frei sind hier nur die Arbeitgeber der Journalisten - frei, ihre Meinung verbreiten zu lassen."

Lügen die Medien? ist ein höchst nützliches Buch, das aufräumt mit Verschwörungstheorien und stattdessen differenziert aufzeigt, wie die Menschen von Wichtigerem ferngehalten werden. Panem et circenses hiess das bei den alten Römern - gebt den Leuten Brot und Spiele, damit sie nicht merken, dass sie verschaukelt werden.

Was not tut, sind geschärfte Sinne - dazu leistet dieses Buch einen wertvollen Beitrag.

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