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Leben und Sterben in Zentralamerika

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In den Staaten Zentralamerikas regiert das organisierte Verbrechen. Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gehören zu den Ländern mit den weltweit höchsten Mordraten. Óscar Martínez ist in seinem Buch Eine Geschichte der Gewalt (Antje Kunstmann, München 2016) den Ursachen nachgegangen.

Der Autor ist Journalist beim investigativen Online-Magazin El Faro, sein Buch versammelt ausführliche Reportagen, die auch über ihr Entstehen Auskunft geben. Es ist in drei Teile gegliedert.

Der erste, Einsamkeit, handelt von der Abwesenheit des Staates, dessen Repräsentanten sich mit dem organisierten Verbrechen arrangiert haben. Der zweite, Wahnsinn, beschreibt die Macht der Drogenkartelle und der dritte, Flucht, erzählt von den Menschen, die versuchen, dieser gesetzlosen Hölle zu entfliehen.

"Warum sollte ein Drogenhändler mit einem Journalisten sprechen wollen? Die Antwort ist immer dieselbe: aus eigenem Interesse. Irgendetwas wollen sie verraten. Ja, Verbrecher haben viel zu verraten. Immer haben sie ein Interesse daran, jemand anderen zu beschuldigen."

Und Journalisten helfen ihnen dabei, ausgestattet mit dem einzigartigen Recht, die Quelle nicht preisgeben zu müssen. Und das alles im Namen der Aufklärung! Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich ist es gut, dass wir Bescheid wissen, was in Zentralamerika abgeht. Denn die Augen vor der Realität zu verschliessen, ist so recht eigentlich nur dumm.

In Óscar Martínez' Buch hat der Staat nicht nur abgedankt, er ist zum Komplizen von Verbrecherbanden geworden. Die Kontakte der Drogenbosse reichen oft bis in die höchsten Kreise der Politik, manchmal sind sie mit diesen fast identisch.

Die Gewalt ist allüberall

Die Gewalt ist allüberall in diesem Buch. "Los Zetas ist eine Bande brutaler Killer, Nach den Worten eines Coronels, der 2011 der Einheit zur Aufrechterhaltung des Ausnahmezustands in Alta Verapaz angehörte, sind es Leute, die zuerst schiessen, foltern und töten, bevor sie ihre Opfer fragen, ob sie tun werden, was man von ihnen verlange."

Wer nach Beispielen sucht, weshalb man Drogen legalisieren (und damit das Gewaltmonopol des Staates sichern) muss, wird in Eine Geschichte der Gewalt vielfältig fündig. Unter anderem erfährt man von einem Bericht mit dem Titel 'Machtverteilung in Petén: Territorium, Politik und Geschäft', finanziert von der Soros Foundation, den keiner der Wissenschaftler, aus Furcht um das eigene Leben, namentlich unterzeichnet hat.

Niemand kommt in dem Bericht ungeschoren davon. "Petén ist zu einer Art Privatbesitz der grossen Familien des organisierten Verbrechens Guatemalas geworden." Alle wissen es. Und alle haben Angst, sich dagegen zu wehren.

Eine Geschichte der Gewalt ist ein sehr bedrückendes Buch.