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Leben mit einer bipolaren Störung

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Jessie Close leidet unter manisch-depressiven Zuständen, einer Krankheit, die heute meist als bipolare Störung bezeichnet wird, da die meisten Kliniker und viele Patienten, wie Kay Redfield Jamison in Meine ruhelose Seele schreibt, "den Ausdruck 'bipolare Störung' als weniger stigmatisierend als 'manisch-depressive Krankheit'"empfinden.

Für sich selber (sie leidet auch unter dieser Krankheit) hält Jamison 'manisch-depressiv' für angemessener und sie fragt: "Ist der Begriff 'bipolar' wirklich ein medizinisch präziser Begriff und führt die Änderung der Bezeichnung tatsächlich zu einer grösseren Akzeptanz der Erkrankung?"

Jessie Close hat (zusammen mit Pete Earley) in Ich bin mit den Wolken geflogen (LangenMüller Verlag München) nicht nur die Geschichte ihrer Krankheit, sondern auch die Geschichte ihrer Familie (eine ihrer älteren Schwestern ist die Schauspielerin Glenn Close) aufgeschrieben.

"Meine Familie brauchte Jahre, um die Tatsache zu verinnerlichen, dass ich mir bei jedem Stimmungsumschwung ein neues Auto, ein neues Haus oder einen neuen Mann zulegte", notiert sie. Und sie hat viele Stimmungsumschwünge.

Eine gewöhnliche Kindheit hatte sie nicht. Sie kam in privilegierten Verhältnissen zur Welt und wuchs teilweise in der Obhut der 'Moral Re-Armament'-Gemeinschaft auf, einer Sekte, zu der ihre Eltern gehörten. Zudem gab es "höchstwahrscheinlich aufseiten der Vorfahren mütterlicherseits" eine genetische Disposition für mentale Erkrankungen.

Von einem Dämon besessen

Emotionale Nähe zu ihrem Vater (einem Arzt, der seinen Patienten gegenüber sehr mitfühlend war, seiner Frau hingegen seine Gefühle nicht zeigen konnte) aufzubauen, ist ihr nie gelungen. Sie fühlt sich von einem Dämon besessen, der sie überallhin begleitet, immer bei ihr ist, sie nie allein lässt.

Die manischen Zustände fühlen sich manchmal gut an. Sie ist dann euphorisch, aktiv und grenzenlos risikofreudig, doch immer lauert da bereits der Absturz, die abgrundtiefe Verzweiflung. "Selbst wenn sich die Manie gut anfühlte, wog sie nie die grauenvollen Depressionen auf, die ihr unweigerlich folgten."

Doch Jessie Close leidet nicht nur unter heftigen und ganz plötzlichen Stimmungsschwankungen, sie trinkt auch übermässig, kokst, tut generell alles, was sie tut, ohne Mass. Es dauert unfassbar lange bis sie Panikattacken, Paranoia, Gedankenflucht, Zerstreutheit und Hypernervosität als das zu erkennen beginnt, was sie häufig sind: Symptome einer mentalen Erkrankung.

"Rückblickend wird mir klar, dass keiner von uns jemals auf die Idee kam, Jessie könnte an einer mentalen Krankheit leiden, obwohl sie zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte, ständig in zerstörerischen Beziehungen lebte und sich mit Drogen in eine andere Welt flüchtete. Die Möglichkeit drang einfach nicht bis in unser Bewusstsein vor und war nie Gesprächsthema. Aus unserer Sicht lebte sie auf der Überholspur, ohne Ziel und Selbstdisziplin", so ihre sechs Jahre ältere Schwester Glenn Close.

Als bipolar diagnostiziert

Sie wird als bipolar diagnostiziert, nimmt Medikamente, hört mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker auf zu trinken, doch der Verzicht auf Alkohol stabilisierte ihre Stimmungen nicht. "Wenn überhaupt, äusserte sich der Wechsel zwischen depressiven und manischen Episoden nun völlig ungehemmt und mit einer neuen, nie dagewesenen Heftigkeit." Doch zum Saufen zurück ist keine Option, es hat zuviel Chaos angerichtet.

Sie geht in eine Klinik, erhält neue Medikamente, lernt zu akzeptieren, dass sie sich genau so entwickelt hat, wie es in ihr angelegt war. "Ich akzeptierte die Tatsache, dass ich eine schwere mentale Krankheit hatte, die immer ein Teil meines Lebens bleiben würde, weil sie ein Teil von mir war."