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Jedes Gehirn hat seine eigene Wahrheit

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Wir Menschen kommen mit einem unfertigen Gehirn zur Welt, erst durch unsere Lebenserfahrungen wird es gestaltet. Bei anderen Säugetieren ist das anders. So können etwa Zebras nach 45 Minuten bereits rennen, lerne ich in The Brain von David Eagleman (Pantheon Verlag, München 2017). Natürlich ist auch im menschlichen Gehirn manches vorgegeben - Atmung, Weinen, Saugen, Gesichtserkennung sowie die Fähigkeit, eine Sprache zu erlernen. Doch einen genauen Schaltplan gibt es nicht.

Man spricht heutzutage von der Plastizität des Gehirns. Und das meint: Unser Gehirn wandelt sich nicht nur während unserer Kindheit und Jugend, sondern so recht eigentlich unser ganzes Leben lang. So faszinierend und nachvollziehbar ich das finde, ich werde skeptisch, als ich lese: "Im Gehirn eines Kleinkindes bilden sich pro Sekunde bis zu zwei Millionen neue Synapsen, wie die Verbindungen genannt werden." Zwei Millionen Synapsen pro Sekunde? Wie, um Himmels Willen, will man sowas messen?

Die einzige Konstante sei der Wandel, sagen bekanntlich die Buddhisten. David Eagleman drückt das folgendermassen aus: "Unsere roten Blutkörperchen werden beispielsweise alle vier Monate komplett ausgetauscht, und unsere Hautzellen erneuern sich alle paar Wochen. Innerhalb von rund sieben Jahren wird jedes einzelne Atom in unserem Körper durch ein anderes ersetzt. Rein körperlich sind wir täglich ein anderer."

Auch hier ist mir nicht wirklich klar, wie man überprüfen kann, wie ein Atom durch ein anderes ersetzt wird. Zugegeben, meine Vorstellungskraft ist begrenzt und Biologie habe ich auch nicht studiert. Wie auch immer: Der Grundgedanke des stetigen Wandels leuchtet mir ein. Selbst die Erinnerung ist, wie wir wissen, nicht fix, sondern ausgesprochen kreativ.

Wussten Sie übrigens, dass wir uns ohne Gedächtnis, keine Zukunft vorzustellen vermöchten? "Es dient nicht nur dazu, Vergangenes aufzuzeichnen, sondern auch in die Zukunft zu blicken. Um sich den Strandausflug auszumalen, greift vor allem der Hippocampus auf Bilder aus der Vergangenheit zurück und stellt sie neu zusammen."

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, denn sie besteht nur aus Energie und Materie. Dass unser Gehirn im Laufe von Jahrmillionen gelernt hat, daraus "eine reichhaltige sinnliche Welterfahrung zu formen" ist ein Wunder, das wir uns nach wie vor nicht erklären können.

Doch die Hirnforschung hat uns Einiges über unsere Wahrnehmung gelehrt. Etwa, dass das Gehirn seine eigene Wirklichkeit erzeugt. Man denke ans Träumen, bei dem wir auch mit geschlossenen Augen Bilder sehen.

Wir können nur er-kennen, was wir kennen, hat Goethe einmal geschrieben. David Eagleman bezeichnet das als "Erwartungen sehen". So erkennen wir auf einem Spaziergang ganz automatisch die Dinge auf dem Weg, müssen uns also nicht lange überlegen, was uns unsere Augen zeigen. Aufgrund unserer gesammelten Erfahrungen, "trifft unser Gehirn Annahmen über das, was wir sehen werden."

Wir sehen die Dinge nicht detailliert, denn unser Hirn nimmt nur einen kleinen Ausschnitt der sichtbaren Welt wahr. Dazu kommt, dass die Zeiterfahrung unseres Gehirns höchst eigenartig ist. So haben viele Menschen die Erfahrung germacht, dass die Zeit in lebensbedrohlichen Situationen langsamer vergeht.

Unser Gehirn erzählt uns eine Geschichte

"Unser Gehirn erzählt uns eine Geschichte, und wir nehmen sie ihm ab, egal wie sie aussieht. Ob wir auf einen optische Täuschung hereinfallen, einen Alptraum für wahr halten, Buchstaben als farbig wahrnehmen oder während einer schizophrenen Episode Halluzinationen für real halten - immer nehmen wir unsere Wirklichkeit so wahr, wie das Gehirn sie uns präsentiert."

Der Mensch sei nicht Herr in seinem eigenen Haus, meinte bekanntlich Sigmund Freud. Anders gesagt: Wir sind meistens auf Autopilot, werden von unseren Unterbewussten regiert. Unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle rasen Milliarden elektrischer Signale durch Zellen und lösen chemische Impulse in unzähligen Synapsenverbindugen aus. Und wo bleibt da der freie Wille? "Noch hat die Neurowissenschaft keine Möglichkeit gefunden, die Existenz des freien Willens experimentell zu widerlegen", schreibt David Eagleman.

The Brain ist nicht nur ein spannendes und höchst anschauliches Buch darüber, wie wir Entscheidungen treffen und die Welt wahrnehmen, wer wir sind und wie wir unser Leben lenken, sondern auch ein sehr schön gemachtes, mit ganz wunderbaren Illustrationen versehenes Werk, das einen Preis für exzellente Gestaltung verdient hätte.