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Im Anfang war das Gefühl

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Antonio Damasio, geboren 1944, ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Akademiker, der an der University of Southern California lehrt, setzt sich in seinem neuesten Buch Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur (Siedler Verlag, München 2017) mit der Welt der Emotionen und Gefühle auseinander.

Akademiker streiten sich bekanntlich häufig um Begriffe und Definitionen und auch Professor Damasio ist da keine Ausnahme. Zentral geht es ihm dabei um den Begriff der 'Homöostase', die häufig auch mit 'Regulation des Lebens' gleichgesetzt wird. Darunter versteht man die in allen Lebewesen vorhandene Fähigkeit, „wichtige chemische und allgemein-physiologische Abläufe automatisch in einem Bereich zu halten, der mit dem Überleben vereinbar ist." Antonio Damasio ist diese Vorstellung zu eng, zu stark der Aufrechterhaltung des Status quo verhaftet. Er selber sieht die Homöostase als Triebkraft der Evolution. „Kurz gesagt, prägt sich in jeder Zelle und in allen Zellen für alle Zeiten eine kraftvolle, scheinbar unbezähmbare 'Absicht' aus, sich selbst am Leben zu halten und weiterzukommen."

Am Anfang waren die Bakterien, einzellige Organismen ohne Nervensystem und Gehirn, die uns auch heute noch begleiten. „In einem menschlichen Organismus befinden sich sogar mehr Bakterien als menschliche Zellen." Dass sie überlebt haben und soweit gekommen sind, verdanken sie chemischen und elektrischen Netzwerken von Wahrnehmung, Gedächtnis, Kommunikation und sozialer Lenkung.

Ein ausserordentlich grosses Mass an Kooperation

Vor etwa 560 bis 600 Millionen Jahren kamen dann die Nervensysteme hinzu; ohne diese wären hoch entwickelte, vielzellige Lebewesen nicht entstanden, sie machen mentales Leben erst möglich. Doch der Körper ist nicht einfach „ein Gerüst für das Nervensystem, das Gefäss, in dem das Gehirn liegt." Das Ganze ist wesentlich komplexer: „Der Körper, mit dem wir im Vergleich zu dem hochfliegenden Geist häufig so locker oder geradezu abschätzig umgehen, ist Teil eines ungeheuer komplexen Organismus aus kooperierenden Systemen, die aus kooperierenden Organen bestehen, die aus kooperierenden Zellen bestehen, die aus kooperierenden Molekülen bestehen, die aus kooperierenden Atomen bestehen, die schliesslich aus kooperierenden Teilchen aufgebaut sind."

Gefühle sind mentale Ereignisse, sie spiegeln den Zustand der inneren Organe und inneren Abläufe wider. Sie werden oft nicht positiv wahrgenommen, da meist angenommen wird, Affekt und Vernunft seien Gegensätze. Jedoch: „Wenn man Affekte übersieht, verarmt die Beschreibung der menschlichen Natur. Eine zufriedenstellende Erklärung über den kulturellen Geist des Menschen ist nicht möglich, ohne dass man die Affekte in Rechnung stellt."

Gefühle werden bekanntlich als angenehm oder unangenehm eingeordnet, sie werden bewertet. „Die Wertigkeit 'beurteilt' die derzeitige Effizienz der Körperzustände, und das Gefühl gibt dem Besitzer des Körpers das Urteil bekannt." Doch woher kommen die Gefühle eigentlich? Gemäss Professor Damasios zur Zeit bevorzugtem Szenario, „wurde das Leben anfangs ohne irgendwelche Gefühle reguliert. Es gab weder einen Geist noch Bewusstsein." Erst mit dem Entstehen von Lebewesen mit einem Nervensystem, das zur Kartierung und Bilderstellung in der Lage war, kam es zu einfachen Formen des Geistes (und damit zu Gefühlen).

Im Anfang war das Gefühl bietet umfangreiche biologische Aufklärung, die unter anderem zeigt, dass intelligente soziale Verhaltensweisen zwar in den Lebewesen angelegt sind, es jedoch grosser und entschlossener Zivilisationsanstrengungen bedarf, damit Gesellschaften nicht auseinander fallen. "Wer von einem grossen, misstönenden Menschenkollektiv spontane homöostatische Eintracht erwartet, hofft auf das Unwahrscheinliche."