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Heimatlos - Bekenntnisse eines Konservativen

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Ulrich Greiner, Jahrgang 1945, ehemaliger Feuilletonchef der Zeit, Gastprofessor an verschiedenen Universitäten und heute Autor der Zeit, hat (wenig überraschend, bei diesem Hintergrund) ein gescheites, wohlformuliertes Buch geschrieben, dessen Titel Heimatlos (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017), die gegenwärtige Befindlichkeit dieses Konservativen, wie er sich selber nennt, beschreibt. Für mich sind das jedoch keine Bekenntnisse eines Konservativen, wie der Untertitel lautet, sondern hoch reflektierte Aufzeichnungen eines unabhängigen Geistes.

Nun waren unabhängie Geister so recht eigentlich immer schon ziemlich heimatlos, ja, Heimatlosigkeit scheint nicht nur ihr Schicksal zu sein, es zeichnet sie geradezu aus. Das sehen natürlich nicht alle so, die meisten sehnen sich nach Zugehörigkeit. Ulrich Greiner vermutlich auch, jedenfalls kann ich mir nur so erklären, dass er sich als Konservativen bezeichnet. Ich selber halte Zuordnungen wie konservativ oder fortschrittlich mittlerweile für wenig taugliche Begriffe, um mit dem Leben, das bekanntlich ständig im Fluss ist (und heutzutage in einem ziemlich reissenden), klarzukommen.

Von den linken Ideen, die ihm in jüngeren Jahren selbstverständlich waren, hat sich Greiner abgekehrt. Erhellend beschreibt er, was er einstmals nicht gesehen hat beziehungsweise nicht wirklich hat wahrnehmen wollen, doch heute klar sieht. Dass etwa Kommunismus und Sozialismus noch immer für letztlich humanitäre Ideen gehalten werden, „während alles politisch Konservative unverzüglich und erfolgreich in die Nähe des Rechtsextremismus gerückt und somit erledigt wird." Angesichts der Geschichte des 20sten Jahrhunderts eine erstaunlich verblendete Sicht der Dinge, die, bevor ich dieses Buch las, selber auch hatte.

Botho Strauss' Prophezeihung

Greiner zitiert unter anderem Botho Strauss, der 1994 schrieb: „Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben." Sätze wie dieser erweckten damals den Hohn des gesamten Feuilletons, jedenfalls in meiner Erinnerung. Greiner notiert: „Das war eine Prophezeihung, deren Wahrheit uns heute, mehr als zwanzig Jahre später, längst eingeholt hat. Und es war eine Kampfansage aus konservativem Geist." Doch warum konservativ, warum nicht einfach gegenwartsskeptisch?

Nun gut, der Autor definiert sich nun mal als Konservativen und er beschreibt auch, was er darunter versteht. „Der Konservatismus, den ich meine, ist von Behutsamkeit und Selbstbeschränkung bestimmt. Ich glaube, dass der Mensch nicht gut daran täte, Gott sein zu wollen. Ich glaube nicht an die Verheissungen der post- oder transhumanistischen Ideologien." Konkret erläutert es dies am Beispiel der Sterbehilfe, der Ehe („Die Polyamoristen verlangen die Legalisierung der Mehrfachehe {der simultanen wohlgemerkt}, wobei ich mich frage, warum alle immer gleich heiraten wollen.") sowie der Reproduktionsmedizin.

Zu letzterer zitiert er unter anderem einen Text von Elisabeth Beck-Gernsheim aus der FAZ, den ich als begnadete Satire las, der jedoch offenbar ernst gemeint ist. „Ob das schwule Paar aus Oslo, das im Labor eigenes Sperma mit den Eizellen einer Ukrainerin mixen und die Embryonen von einer indischen Leihmutter austragen lässt; ob die sechzig Jahre alte Bankerin in New York, die nach erfolgreicher Karriere ihren Kinderwunsch entdeckt und in einschlägigen Katalogen einen kalifornischen Samenspender und eine russische Eispenderin sucht - mit Hilfe der globalisierten Reproduktionsmedizin werden Weltbürger in einem ganz neuen Sinne gezeugt."

Der grössere Zusammenhang

Ulrich Greiner ist es darum zu tun, den Menschen und sein Erdendasein nicht einfach aus der Gegenwart, sondern in einem grösseren Zusammenhang zu verstehen, denn wir kommen nicht aus dem Nichts, müssen uns im Hier und Jetzt verorten. „Wenn ihr eure Vorväter geachtet hättet, hättet ihr gelernt, euch selbst zu achten", zitiert er Edmund Burke. Und der bereits erwähnte Botho Strauss meint: „Anbindungsstrategien sind für mich wichtiger als Bruch- und Aufbruchparolen."

Die aktuellen Debatten - über Identität, politische Korrektheit, das Rauchen in der Öffentlichkeit, die Flüchtlingskrise, die EU, den Sozialstaat und und und - behandelt er grundsätzlicher als viele und unter Zuhilfenahme von Gedanken von Alexis de Tocqueville, Arnold Gehlen, Wilhelm von Humboldt, Gilbert Keith Chesterton und anderen. Greiners Belesenheit ist beeindruckend, seine Gedankenführung ebenso.

Was diesen schmalen Band wesentlich auszeichnet, ist seine klare, unprätentiöse, differenzierte Sprache sowie die überzeugende Argumentation, die sich an der Realität und nicht an der Ideologie orientiert. So stellt der Autor unter anderem fest, dass Muslimen sowohl die Erfahrung („und die damit gegebenen Fähigkeiten") fehlt zwischen „der Sphäre des persönlichen Glaubens und der des Öffentlichen" zu unterscheiden und weist die Kulturrelativisten (Goethe war übrigens keiner) darauf hin, dass zwischen einer Religion, die auf einen gekreuzigten Wanderprediger zurückgeht und einer, die von einem kriegsführenden Kaufmann gegründet wurde, ein erheblicher Unterschied besteht.

Heimatlos ist ein smartes und eloquentes Plädoyer fürs eigenständige Denken, das nicht Partikularinteressen, sondern dem Grösseren Ganzen verpflichtet ist.