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Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad

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Schon nach wenigen Seiten weiss ich, dass Souad Mekhennets Nur wenn du allein kommst (C.H. Beck, München 2017) ein Buch ist, dass mich wieder einmal mit dem Journalismus versöhnt. Weil diese Reporterin auch von sich erzählt. Von ihrem Aufwachsen als Tochter einer Türkin und eines Marokkaners, die sich in Frankfurt kennengelernt hatten, wo sich beide eine bessere Zukunft erhofften als in ihren Heimatländern. „Meine Mutter mochte ihn auf Anhieb. Trotzdem war sie skeptisch; bei Marokkanern sollte man lieber Vorsicht walten lassen, sie würden zwar gut aussehen, aber nur Algerier wären noch grössere Hallodris, sagten ihre Freundinnen."

Journalisten sind keine neutralen Beobachter, sie sind Menschen mit familiären und kulturellen Prägungen und Voreingenommenheiten. Souad Mekhennet ist das nicht nur klar, sie beschreibt es auch und zeigt so auf, wo sie ihr unabhängiges Denken her hat. „Meine Grossmutter hatte ihren eigenen Kopf, nahm grosse Risiken auf sich, vergass dabei aber nie ihre Wurzeln."

Souad Mekhennet weiss schon früh, was sie will. Nachdem sie Die Unbestechlichen mit Robert Redford und Dustin Hoffman gesehen hat, steht ihr Entschluss, Journalistin zu werden, fest. Zielstrebig verfolgt sie ihr Ziel, absolviert die Henri Nannen Journalistenschule sowie ein Studium der Politikwissenschaften und der Internationalen Beziehungen. An Ehrgeiz mangelt es ihr nicht, sie strengt sich an und setzt sich ein, nicht nur für sich selber, auch für andere.

Nicht alle Muslime sind gleich

Dass nicht alle Muslime gleich sind, sagt (fast) jeder. Und dass für Christen, Juden, Hindus und Politiker dasselbe gilt, sagen auch (fast) alle. In Nur wenn du allein kommst wird das konkreter: Als in den 1970er Jahren, nach dem Münchner Terroranschlag auf das israelische Olympia-Team, Muslime und Araber unter Generalverdacht gerieten, hatte Souad Mekhennets Grossvater Verständnis für den deutschen Argwohn. Es sind solche Schilderungen, die mir dieses Buch wertvoll machen. Und auch die, welche schildern, wie sie selber auf Grund ihrer familiären Herkunft eingestuft wird: Von Muslimen wird sie zurecht gewiesen, weil sie zu Deutsch daherkommt, von Deutschen verdächtigt, eine Spionin zu sein.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 macht sie sich auf nach Hamburg, wo einige der Attentäter gelebt hatten. Sie will den Hintergründen auf die Spur kommen und beschreibt detailliert, wie sie dabei vorgeht, wobei ich zu meinem Erstaunen erfahre, dass in einer muslimischen Buchhandlung, die sie aufsuchte, ein kleiner Bereich mit Büchern für Frauen und Kinder mit einem Vorhang vom Rest des Raumes abgetrennt war.

Es sind vor allem solche „Details", die mir die Lektüre von Nur wenn du allein kommst wertvoll machen. Wie wichtig etwa die richtige Kleidung (vor allem für eine Frau) in der arabischen Welt ist, wie schon kleine Kinder zum Hass erzogen werden, wie entscheidend die richtige Wortwahl ist. Als sie einem Vater ihr Beileid zum Tod seiner beiden Söhne im Irak ausspricht, wird sie von einem Familienmitglied zurechtgewiesen. „Wieso Beileid? Sie sind als Märtyrer gestorben! Gibt es ein grösseres Glück, als solche Söhne zu haben?".

Ein Schlüsselerlebnis

Als Schlüsselerlebnis beschreibt sie das Zusammentreffen mit Maureen Fanning, der Witwe eines der Feuerwehrmänner, die bei den Lösch- und Bergungsarbeiten am World Trade Center ums Leben gekommen waren. „Niemand hat uns darüber informiert, dass es Menschen gibt, die uns abgrundtief hassen", sagte sie. „Warum wussten wir nichts davon? Die Politiker haben es uns verschwiegen. Und ihr auch, obwohl ihr Journalisten seid." Der Öffentlichkeit begreifbar zu machen, wie die Dschihadisten denken, wird fortan Souad Mekhennets journalistischer Antrieb.

Einer der Gründe, weshalb der Westen, und speziell die USA, bei manchen Menschen auf abgrundtiefen Hass stossen, mag im Verhalten von Repräsentanten westlicher Staaten liegen. Wer sich lauthals auf Menschenrechte beruft, die er selber nicht einhält - einer der unglaublichsten Fälle, den von Khaled el-Masri, findet sich auch in diesem Buch - , sollte sich nicht wundern, wenn es aus dem Wald so zurückschallt, wie hineingerufen wurde.

Die Washington Post nimmt sie unter Vertrag, sie reist in den Irak, wo plötzlich ganz wichtig wird, ob sie Schiitin oder Sunnitin ist („Meine Mutter ist Schiitin, mein Vater Sunnit. Bei uns zu Hause hatte das nie eine Rolle gespielt, hier dagegen schon{ ...} dass es Menschen gab, die sich strikt weigerten, mit Angehörigen der anderen Glaubensrichtung auch nur ein Wort zu wechseln"). Erst im Irak erfährt sie aus Telefonaten mit ihrer Familie, dass auch ihren Eltern der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten das Leben schwer gemacht hatte.

Wut und Hass

Als arabischer Muslimin fällt es ihr leichter als ihren amerikanischen Journalistenkollegen, Zugang zu Menschen (etwa in Bahrain und Algerien, im Libanon und in Ägypten, Pakistan und Frankreich) zu finden, deren Wut und Hass auf die westliche Politik fast nur noch vom Wut und Hass aufeinander (Schiiten und Sunniten) übertroffen wird. Dabei gerät sie auch immer wieder in heikle und potentiell gefährliche Situationen - sie verdankt es ihrer Geistesgegenwart (und auch Glück), dass sie jeweils heil davonkommt.

Sie recherchierte auch in Österreich, als 2015 riesige Flüchtlingsströme dort eintrafen. „Auf den österreichischen Bahnhöfen entdeckte ich Anzeichen dafür, dass die ersten Kämpfer bereits eingetroffen waren." Es gab so viele falsche Syrer, dass die echten sich über die falschen zu beschweren begannen. „Nach ein paar Tagen vor Ort, war ich fest davon überzeugt, dass die Sicherheitsbehörden vor gigantischen Aufgaben standen."

Nur wenn du allein kommst schildert, was Souad Mekhennet erlebt (wie sie etwa als unverheiratete Muslimin behandelt wird), worüber sie sich wundert (dass die meisten Amis keinen Schimmer haben vom Irak), was sie freut und was sie irritiert. Sie beeindruckt in erster Linie durch ihre Persönlichkeit, denn sie ist empathisch und neugierig, will den Dingen auf den Grund gehen und aufklären. Und sie versteckt ihre Meinung nicht. Selten war Journalismus überzeugender!