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Eine Frau, drei Trails und 12 700 Kilometer Wildnis

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Der Sanierungsspezialistin Christine Thürmer wird mit 36 Jahren gekündigt. Kurz darauf erleidet ein Bekannter von ihr, 46 und erfolgreicher Anwalt, einen Schlaganfall und landet als aussichtsloser Fall im Pflegeheim. "Was ist schon meine Kündigung im Verhältnis zu seinem Schicksal? Ich lerne hautnah zu verstehen, dass es Wichtigeres gibt als Karriere und Geld."

Christine Thürmer wird die Endlichkeit ihres Seins bewusst. Sie beschliesst, die Zeit zu nutzen und ihre Träume zu leben. "Ich werde den PCT laufen." PCT steht für Pacific Crest Trail, welcher der Sierra Nevada und dem Kaskadengebirge im Westen der USA folgt, von der mexikanischen bis an die kanadische Grenze. Der PCT ist 4277 Kilometer lang und bei den thruhiker populär. Thruhiker sind Durchwanderer, also solche, die den ganzen Trail durchwandern.

Zu den thruhiker gehört auch Ulrike, die mit ihrem Freund Bob, einem Australier, unterwegs ist. Vier bis sechs Monate pro Jahr arbeitet sie in Deutschland als Krankenschwester. Davon kann sie den Rest des Jahres bescheiden leben. Sie erlebt unterwegs so viele wunderbare und abenteuerliche Dinge, dass sie ihren sparsamen Lebensstil nicht als Entbehrung empfindet.

Eines Tages erzählt Ulrike, dass sie sich von ihrem Freund trenne. "Bob hat mir in zwölf Jahren Beziehung kein einziges Mal gesagt, dass er mich liebt." So eine Wanderung kann offenbar auch beziehungsklärend sein.

Der Pacific Crest Trail

Der PCT ist höchst abwechslungsreich, nur schon die Höhenunterschiede sind immens. Der tiefste Punkt liegt auf 43 Metern, der höchste auf 4009 Metern und da liegt natürlich Schnee. Und da gibt es Schwarzbären, die im Juni hungrig aus ihrem Winterschlaf erwachen. "Ein thruhiker, der mit einem Rucksack voller Proviant allein in seinem Zelt liegt, ist da natürlich für einen Bären besonders interessant."

Sie schafft es ganz allein von Mexiko zu Fuss nach Kanada, durch die Gluthitze der Wüste, vorbei an Klapperschlangen und gelegentlichem Dauerregen ausgesetzt. Stolz erfüllt fliegt sie zurück nach Deutschland, kriegt sofort eine neue Stelle und absolviert wiederum erfolgreich Zwölf-Stunden-Tage. Doch sie hat nicht vergessen: "meine knappste Ressource ist Zeit, meine eigene Lebenszeit."

Übrigens: Nicht wenige thruhiker sind auf diesen Trails unterwegs; immer wieder trifft Christine Thürmer auf andere Langstreckenwanderer, einige von ihnen kennt sie bereits von anderen Trails.

Der Continental Divide Trail

Sie bricht wieder auf. Diesmal hat sie sich den Continental Divide Trail vorgenommen, welcher der kontinentalen Wasserscheide der USA von der mexikanischen zur kanadischen Grenze folgt. Sie startet, zusammen mit Ulrikes Ex-Freund Bob (eine nicht unproblematische Beziehung), an der amerikanisch-kanadischen Grenze.

Eines Tages schlägt sie ihm vor, statt mit einer Frau mit einem ähnlich starken und schnellen Mann zu laufen. Er sei früher mit anderen Typen gelaufen, es sei jedes Mal furchtbar gewesen, antwortet er. "Bei zwei Männern will keiner zugeben, dass er eine Pause braucht oder langsamer laufen will. Jeder will der Schnellere und Stärkere sein, und das Ganze schaukelt sich zu einem ständigen Wettbewerb hoch."

Sie kommen an riesigen Geröllfeldern vorbei, erleben "eine brutale Schönheit, die nichts Liebliches hat. Die Natur überwältigt mich mit ihrer Grandiosität und verweist mich gleichzeitig an meinen Platz. Hier steht der Mensch nicht an der Spitze der Hierarchie. Jeden Tag macht die Natur mir klar, wie winzig und unbedeutend ich in diesem Gefüge bin - und dass jeder noch so kleine Fehler tödlich sein kann."

Der Appalachian Trail

Bevor sie sich in den Osten der USA aufmacht, um dort im Appalachengebirge von Maine runter nach Georgia zu laufen, gibt sie ihre Wohnung in Berlin auf. Sie lebt seither ein Leben ohne festes Zuhause, das sie selbst mit Laufen. Essen. Schlafen. (dies ist auch der Titel ihres Buches) beschreibt.

Der Appalachian Trail ist der Trail mit der geringsten Erfolgsquote. Das liegt wesentlich daran, dass der kurze und vermeintlich einfache Trail viele unerfahrene Wanderer anzieht. "Nur etwa ein Viertel der hoffnungsfrohen thruhiker kommt auch am anderen Ende an."

Nebel, Nieselregen, schwer zu überquerende Schluchten, immer mal wieder muss Christine Thürmer den Rucksack abnehmen, um unter den gewaltigen Felsen hindurchzukriechen. Gelegentlich muss sie auch auf Händen und Füssen an glitschigen Felsbrocken hochkraxeln. "Vor allem aber lerne ich, worauf es mir beim thruhiking wirklich ankommt: nämlich auf das Draussensein in der Natur und das unkomplizierte, freie Leben auf dem Trail - und nicht auf die spektakuläre Landschaft ..."

Laufen. Essen. Schlafen. (Malik Verlag, München 2016) ist nicht nur ein Buch übers Langstreckenwandern, sondern auch eine persönliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie man sein Leben leben will.