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Ein erfülltes Leben, was ist das?

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Rollo May schreibt in seiner „Antwort auf die Angst", eine der Hauptursachen der Angst - besonders bei der jüngeren Generation - liege darin, „dass keine verbindlichen kulturellen Werte als Basis für den Bezug zur Welt zur Verfügung stehen." Einverstanden. Doch da ist noch eine andere Angst, eine Ur-Angst vor dem Leben. Und vor dem Tod.

Nur sehr selten gesteht jemand, Angst vor dem Tod zu haben. Die meisten sagen, sie hätten Angst vor einem langen Sterben, aber vor dem Tod, nein, vor dem Tod nicht, denn den erlebe man ja auch gar nicht mehr. Das Argument leuchtet ein, doch empfinden diese Leute auch so?

Ich selber habe Angst vor dem Tod. Wie ich vor allem Unbekannten Angst habe. Auch weil, wie Otto Steiger einmal eine seiner Romanfiguren hat sagen lassen, ich mir schlecht vorstellen kann, wie es auf diesem Planeten weitergehen soll, wenn ich einmal nicht mehr bin. Und auch, weil mir die ganze menschliche Existenz, trotz Gefühlen des Staunens, und manchmal der Ergriffenheit über das Wunder des Lebens, letztlich unheimlich ist.

Wer auf ein erfülltes Leben zurückblicken könne, fürchte auch den Tod nicht, hört man oft gesagt. Nur, was soll das bloss sein, ein erfülltes Leben? Viel gemacht und erlebt und seine Konkurrenten hinter sich gelassen zu haben, von den Nachbarn beneidet zu werden? Denn nur von solchen Leuten ist dieses Argument zu hören. Zumindest in den Medien. Doch das liegt vielleicht an den Medien, in denen nicht besonders Publizitätssüchtige kaum einmal vorkommen. Andererseits ist es eben auch so: Wer viel hat, will noch mehr und kann nie genug kriegen. Sei's Geld, Sex, Ansehen, bereiste Länder, gerettete Menschen oder gelesene und ungelesene Bücher.

Trotzdem: Sieht man ab vom derzeitigen Quantitätsdenken (War das wirklich jemals anders? Ist es heute nicht einfach nur offensichtlicher, vielleicht auch ausgeprägter, moralisch akzeptabler?), könnte ein erfülltes Leben nicht auch bedeuten, ein intensiv erfahrenes, das Kommen und Gehen von Augenblicken begrüssendes, ein nicht auf Haben, sondern auf Sein ausgerichtetes Wahrnehmen und Erkunden unseres Planeten? Schon, aber ...

Dazu eine Geschichte: Zwei buddhistische Mönche sind auf dem Weg zum Kloster. Der Monsunregen hat die Strasse unter Wasser gesetzt. Eine schöne junge Frau in einem neuen, weissen Kleid steht am Strassenrand. Sie zögert, die Strasse zu überqueren, weil sie nicht will, dass ihr Kleid nass wird. Der eine Mönch geht auf sie zu, nimmt sie auf die Arme und trägt sie über die Strasse. Die beiden Mönche setzen ihren Weg fort. Nach geraumer Zeit kann der andere Mönch nicht mehr an sich halten und er sagt: „Du weisst doch, dass es uns nicht erlaubt ist, Frauen zu berühren. Wie hast Du das nur tun können?" „Trägst Du sie immer noch mit dir mit?" erwidert dieser, „Ich habe sie auf der anderen Strassenseite abgesetzt."

Aus: Hans Durrer: Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung, neobooks 2017.