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Die Zivilgesellschaft als Bollwerk gegen den Fanatismus?

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Wir leben in unsicheren Zeiten, viele Gewissheiten gibt es nicht mehr, wir wissen immer weniger, worauf wir uns verlassen können. Der emeritierte Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel, Ernst-Dieter Lantermann, hat Jahrzehnte darüber geforscht, wie sich Menschen in unsicheren Situationen verhalten. In "Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus" (Karl Blessing Verlag, München 2016) berichtet er von seinen Erkenntnissen.

Der Prozess der Modernisierung habe zu einer grundlegenden Öffnung der Gesellschaft für neue, alternative Lebens- und Ordnungsentwürfe geführt, so der Autor. "Jeder Einzelne kann und muss sich für seinen Lebensweg selbst entscheiden, ohne Netz und doppelten Boden. Ulrich Beck hat für diese Entwicklung den Begriff Individualisierung geprägt."

Nicht alle begreifen das als Chance, viele empfinden das als beängstigend. Und ja, ein Zuviel an Unsicherheit verstärkt den Wunsch nach Sicherheit. Und natürlich ist das bei unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt. "Was für die einen eine unerträgliche Unsicherheit bedeutet, ist für andere eine überschaubare und wenig aufregende Sache." Braucht es dafür wirklich Untersuchungen, sagt uns das nicht der gesunde Menschenverstand?

In der Psychologie, so Professor Lantermann, würden diese Unterschiede auf Persönlichkeitsmerkmale zurückgeführt. Zwei besonders wichtige erwähnt er: "das 'Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit' und eine "Vorliebe für erregende Ungewissheit', im Fachjargon auch als 'Sensation Seeking' bezeichnet." Eine Terminologie, die mich schmunzeln macht. Sie meint übrigens nichts anderes als dass die einen das Risiko scheuen und die anderen es als Chance sehen.

Selbstwertdienliche Unsicherheitsreduktionen

"Ein hohes Selbstwertgefühl kann die psychischen Belastungen von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung oder eines Todesfalls in der Verwandtschaft erheblich mindern und vor depressiven Stimmungen schützen. Es erleichtert den Aufbau und die Pflege sozialer Netze und steigert die Bereitschaft und Fähigkeit zum Erwerb neuer Kompetenzen und Fähigkeiten." Das ist so wenig überraschend, dass man sich füglich fragen kann, ob es dafür wirklich wissenschaftlicher Studien bedurfte.

Der Mensch ist ziemlich erfinderisch, wenn es darum geht, sich die Sicherheit zu verschaffen, die er zu brauchen glaubt. Die einen suchen sich einen Sündenbock und schliessen sich etwa fremdenfeindlichen Gruppierungen an. Andere suchen Schutz hinter Mauern in den sogenannten Gated Communities. Und noch einmal andere, das fand ich besonders interessant, optimieren ihre Körper.

"Der eigene Körper tritt den Menschen als ein beherrschbares und manipulierbares Objekt entgegen, er wird zu einem Schauplatz der Selbstversicherung in einer Zeit, in der so viele Bereiche des Lebens fragil geworden sind und sich unserer Kontrolle entziehen."

Als eine weitere Möglichkeit Kontrolle auszuüben, nennt Ernst-Dieter Lantermann den Veganismus, der weit mehr als ein Ernährungsstil sei, denn dabei "geht es nur selten um den Geschmack, sondern meist um Krankheit und Gesundheit, um die Frage, wie wir leben wollen und leben sollen, also um Moral und Werte, Leben und Verantwortung."

Zivilgesellschaft als Bollwerk gegen den Fanatismus

Professor Lantermann plädiert fürs Gegensteuern, für "jede Massnahme, die ein Abrutschen von Menschen in einen Zustand gesellschaftlicher und sozialer Ausgrenzung verhindern könnte", weil dies "zugleich ein wichtiger Schritt zur Eindämmung von Radikalisierung und Fanatismus in unserer Gesellschaft" sei.

Als gelungenes Beispiel einer funktionierenden Zivilgesellschaft führt er Kassel an, wo er seit vielen Jahren lebt und arbeitet und wo "Tausende Bürger sich für 'ihre' Stadtkultur, 'ihre' documenta, 'ihre' Museen, für die Zukurzgekommenen in den benachteiligten Randzonen dieser Stadt und seit Sommer 2015 auch für Flüchtlinge und Asylsuchende mit hohem Engagement einsetzen."

Das Problem ist nur, dass die aufgeklärte Zivilgesellschaft und der kannibalistische Kapitalismus sich so ziemlich gar nicht vertragen.