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Die wahre Geschichte eines fantastischen Lebens

20/06/2017 17:03 CEST | Aktualisiert 21/06/2017 18:00 CEST

„Der beste Schriftsteller der Welt", hat der Ausnahmeschriftsteller Thomas Pynchon über Tom Robbins gesagt, und natürlich fragt man sich da wieder einmal, ob das eigentlich genetisch bedingt ist, dass sich Amerikaner so oft in Superlativen ausdrücken. Als gesichert gelten kann, dass Tom Robbins ein höchst begabter, unterhaltsamer, cleverer und witziger Autor ist. Und dass seine Memoiren Tibetischer Pfirsichstrudel (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017) genau das sind, was der Verlag darüber schreibt: „Die kluge und selbstironische Autobiografie des Kultautors - so witzig, verrückt und anekdotenreich wie seine Romane."

Tom Robbins, 1936 in Blowing Rock, Virginia, geboren, wuchs in einer christlichen Familie im Süden der USA auf. „Abgesehen von der Liebe, nach der jeder Mensch, ausser vielleicht hartgesottene Psychopathen, in der einen oder anderen Form strebt, wünschen sich durchschnittliche amerikanische Christen (mit denen ich einen ganzen Hof von Hühnern zu rupfen hätte) im Grunde nur zwei Dinge: dass sie reich werden und dass sie in den Himmel kommen (offenbar in dieser Reihenfolge). Und das, obwohl ihr eigener Herr und Erlöser sie ausdrücklich gewarnt hat: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt."

Er begeistert sich für den Zirkus, gewinnt bei der Tombola ein Radio, das er jedoch an einen Touristen verscherbelt, als eines Tages „der Mann mit der Enzyklopädie in unsere Stadt" kam, dem Tom alle seine Bücher bis auf die Enzyklopädie abkaufte. „Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Offensichtlich hatte ich eine Erleuchtung in puncto Coolness: die unbewusste Erkenntnis, dass die Menschheit nie etwas Cooleres erfunden hat als das Buch. Das glaube ich bis heute."

Tom Wolfe, der Dandy in blendend weissen Anzügen

Er beginnt an der Washington and Lee University (W & L) in Lexington zu studieren und lernt da auch Tom Wolfe kennen, der offenbar schon damals der Dandy in blendend weissen Anzügen mit geblümten Einstecktüchern war. Robbins erlebte ihn als eloquent und elegant, jedoch ohne Fantasie. Der Super-Evangelist Pat Robertson war übrigens auch an dieser Uni. „Auf der W & L war Robertson ein unbeschriebenes Blatt, obwohl man sich im Nachhinein kaum vorstellen kann, dass ein so immenses Ego nicht irgendwie hätte auffallen müssen."

Da er nicht weiss, was er sonst machen soll, geht Tom Robbins zur Air Force, wird dort zum Meteorologen ausgebildet, landet in Korea. Wo er unter anderem lernt, dass koreanische Air-Force-Piloten, von Temperament und Erziehung Fatalisten, mitten in Sturmtiefe hineinfliegen, im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen, die sie umgehen.

Zurück in den USA heiratet er zum zweiten Mal, zieht nach Seattle, wird Feuilletonchef der Seattle Times, was auch mit sich bringt, dass er eines Tages über ein Giacomo Rossini Konzert des Seattle Symphonieorchesters berichten muss, obwohl er über Rossini so ziemlich gar nichts weiss. „Mir blieb nichts anderes übrig, als zu einer öffentlichen Bibliothek im Zentrum der Stadt zu gehen und nachzuschlagen. (Ja, die Bibliothek: 1962 war 'Google' noch der Ausdruck für irgendetwas Seltsames, das Clowns mit den Augen machten.)"

Eine Offenbarung, die sein Leben umkrempelt

Er entdeckt LSD und erlebt dabei eine Offenbarung, die sein Leben umkrempelt, denn er gewinnt „die Erkenntnis, dass jede Margerite auf der Welt - jede einzelne Margerite auf jeder einzelnen Wiese - eine Identität hat, die genauso ausgeprägt ist wie meine eigene."

Er trennt sich von seiner Frau, die in ihrem Alkoholwahn glaubt, eine begabte Malerin zu sein, und zieht nach New York, dann wieder zurück nach Seattle, schreibt sein erstes Buch („Ein Platz für Hot Dogs"), das ein Erfolg wird. Weitere folgen, darunter auch das ganz wunderbare, von „verrückter Weisheit" durchdrungene, „Sissy - Schicksalsjahre einer Tramperin".

Der Untertitel dieser Memoiren bringt es auf den Punkt: „Die wahre Geschichte eines fantastischen Lebens". Ich habe Tränen gelacht über diese ganz wunderbare Ansammlung gänzlich unwahrscheinlicher Geschichten, die unter anderem klarmachen, dass Tom Robbins auch ein ziemlich weiser (also spielerischer und ernster) Mann ist. Was er über den alten Uncle Ben schreibt, den er „keinesfalls als eine Art verkappten Zenmeister darstellen will, doch drückten sein Ton und sein ganzes Wesen aus, dass er auf seine gutmütige, leicht belustigte Art die unausweichliche Unbeständigkeit des Seins akzeptierte", trifft so recht eigentlich auch auf ihn selber zu.

Tibetischer Pfirsichstrudel ist ein super tolles Buch, in dem das Paradoxe und Konfuse Sinn machen!

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