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Die Tragödie des Anderen verstehen

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.„Die Tragödie des Anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen", steht auf dem Umschlag von Sweet Occupation (dtv, München 2017), dem neuesten Werk der 1953 in Tel Aviv geborenen Lizzie Doron. Sicher, wir leben in von der englischen Sprache dominierten Zeiten, doch ein auf Deutsch verlegtes Buch mit einem englischen Titel auszustatten, drängt sich meines Erachtens nicht wirklich auf, doch der Autorin (und/oder dem Verlag) gefällt das offenbar - ein anderes deutsches Buch von ihr heisst Who the Fuck Is Kafka?

Das ist so recht eigentlich mein einziger kritischer Einwand zu Sweet Occupation, einem wichtigen und notwendigen Buch. Worum geht's? Zwei israelische Ex-Soldaten, die den Dienst an der Waffe verweigert haben, sowie drei verurteilte ehemalige Terroristen aus den besetzten Gebieten, haben sich zusammengetan und eine Friedenskämpfer-Bewegung gegründet. Und sie wollen nun, dass Lizzie Doron darüber schreibt.

Sie trifft sich mit diesen Terroristen und Verrätern, verbringt mehr als ein Jahr mit Menschen, die im Gefängnis gesessen hatten. „Die vermeintlich klare Wirklichkeit, an die ich glaubte, zerbrach allerdings schon bei meiner ersten Begegnung mit Mohammed, Suliman, Jamil, Chen und Emil." Meine ebenso - und das ist wesentlich diesem wunderbar persönlichen Buch zu verdanken.

Bei einem ihrer Gesprächspartner, Emil, handelt es sich übrigens um einen Jugendfreund, den sie fünfzig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. „Du bist schon sechzig Jahre alt, glücklich verheiratet, hast zwei Kinder, aber wenn deine Jugendliebe ein Treffen möchte, legst du Make-up auf, machst dich zurecht, schlüpfst in Jeans, ziehst den Bauch ein und machst dich wie eine Sechzehnjährige auf den Weg."

Wir alle werden in Bedingungen hinein geboren und nach Werten erzogen, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Wir können nicht wirklich wissen, wie es sich in der Haut eines Anderen anfühlt, doch wenn wir den Anderen aufmerksam zuhören, werden wir verstehen, dass Richtig und Falsch keine Kategorien sind, die helfen können, aus einer auswegslos erscheinenden Situation herauszukommen.

„Du bist ein Kind, und noch bevor du etwas vom Leben weisst, erzählt man dir, dass es jemanden gibt, der dich umbringen will und dass du ihn umbringen musst. Wenn du anfängst zu laufen, siehst du, wo immer du hingehst, Soldaten, und man sagt dir 'verboten', 'verboten', 'verboten', Man sagt dir, 'sei vorsichtig', 'sei vorsichtig', 'sei vorsichtig', und das geht bis heute so, du hast keinen Kindergarten, du hast keine Schule ...", sagt Mohammed, der Lizzie Doron versichert: „Beim Leben Allahs, wir passen auf dich auf." Worauf sie notiert: „Was versteht er schon? Von der Schoah, den Kriegen, vom Leben selbst? Allah und seinesgleichen sind meine Sache nicht."

Sweet Occupation ist ein höchst politisches Buch, das sich den üblichen Zuteilungen in eine gute und eine schlechte Seite verweigert und stattdessen konkret beschreibt, was mit (einigen) Besatzern und (einigen) Besetzten geschieht. Die hier Porträtierten wollen den von Machtinteressen diktierten Irrsinn nicht mehr länger hinnehmen - sie sind nicht naiv, sie ertragen einfach die gängige Ignoranz nicht mehr und wehren sich.

Die beste Form der Aufklärung war immer schon, genau hinzuschauen - auf die Lage vor Ort genauso wie auf die eigenen Werte und Urteile - und schonungslos zu beschreiben, was man vorgefunden und empfunden hat. Oder wovon man gehört und gelesen hat. „Vier Betende und ein Polizist starben bei einem Attentat während des Morgengebets in der Synagoge im Viertel Har Nof in Jerusalem."

Suliman sagt: „Ihr bezeichnet uns immer als Tiere und tut, als gäbe es einen grossen Unterschied zwischen uns und euch, aber ich sage dir, wir sind same, same. Ihr tötet, wir töten. Es ist Krieg, so ist das. We are all equals."

Akzeptiert man das, kann man einen Schritt weiter gehen. Und wird dann verstehen, dass die Menschen auf beiden Seiten verschieden sind, es sowohl bei den Israelis wie auch bei den Palästinensern grosszügige und knauserige, grausame und sanfte gibt. Und dass es darauf ankommt, was Jamils Mutter, Hemda Jamil Abdallah, der dieses Buch gewidmet ist, ihrem Sohn mit auf den Weg gegeben hat. „Sie bat mich, mein eigener Gott zu sein, mein eigener General und mein eigener Ministerpräsident, ich solle selbst entscheiden, wofür ich zu sterben bereit wäre, wenn überhaupt."

Sweet Occupation ist ein überaus hilfreiches Buch!