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Die Suche nach einer Weltordnung

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Dreissig Jahre lang, von 1618 bis 1648, befand sich Mitteleuropa im Krieg. Im Westfälischen Frieden einigten sich die erschöpften Kriegsparteien schliesslich auf eine Reihe von Vereinbarungen, die künftiges Blutvergiessen ausschliessen sollten. "Jeder Staat anerkannte die inneren Strukturen und das religiöse Bekenntnis der anderen Staaten als Realitäten und enthielt sich jeder Infragestellung ihrer Existenz", schreibt Henry Kissinger in Weltordnung (Pantheon Verlag München). Darin "spiegelte sich eine pragmatische Anpassung an die Realität und keineswegs eine einzigartige moralische Einsicht."

Dieses Westfälische System ist ein globales geworden, doch es wird heute von allen Seiten infrage gestellt. Etwa aus dem Nahen Osten. "Es ist geradezu das Kennzeichen dieser Region, dass sie eine Überfülle prophetischer Visionen mit Absolutheitsanspruch hervorgebracht hat, während sie doch auf dramatische Weise zwischen ihrer gloriosen Vergangenheit und ihrer heutigen Unfähigkeit gefangen bleibt, sich auch nur auf die allgemeinsten Prinzipien einer inneren oder internationalen Legitimität zu einigen", so Kissinger.

Infrage gestellt wird es aber auch von Russland und den Vereinigten Staaten, die beide wenig Respekt vor dem Gleichgewicht der Mächte zeigen. Und dann wäre da auch noch China, dessen Konzept einer Weltordnung immer schon weit entfernt von den Westfälischen Ideen gewesen ist. "Alles unter dem Himmel" (und nicht etwa ein souveräner Staat) war der Herrschaftsanspruch der Kaiser in Peking.

Henry Kissinger denkt in grossen Linien und weiss aus eigener Erfahrung, dass auch die heutigen Repräsentanten des Reichs der Mitte sich im Zentrum der Erde sehen. Wie die Amerikaner so halten sich auch die Chinesen für einzigartig, doch es gibt Unterschiede und die sind markant.

China und Amerika

"Amerika geht an Politik pragmatisch, China mit bestehenden Konzepten heran ... Die Amerikaner sind überzeugt, es gebe für jedes Problem eine Lösung. Die Chinesen meinen, dass jede Lösung wieder neue Probleme in sich berge. Streben Amerikaner ein Ergebnis als Reaktion auf unmittelbare Umstände an, so konzentrieren sich Chinesen auf evolutionäre Veränderungen ...".

Kissinger offeriert mit Weltordnung ein spannendes Geschichtsbuch und spricht sich für "eine Mischung aus Realismus und Idealismus" aus. Damit meint er: Im Prinzip keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Dabei lässt er keinen Zweifel, wem seiner Meinung nach bei den Ausnahmen von diesem Prinzip die Führungsrolle gebührt. "Ihre offene Kultur und ihre demokratischen Prinzipien machten die Vereinigten Staaten zu einem Modell und zu einer Zufluchtsstätte für Millionen."

Cybertechnik und Weltordnung

Die rasante technische Entwicklung ist ein Kennzeichen der modernen Welt. "Keine Regierung, auch keine hochtotalitäre, vermochte es bislang, den Strom oder Trend aufrechtzuerhalten, immer mehr Operationen in die digitale Sphäre zu verlagern ... Der Cyberspace stellt jede historische Erfahrung infrage."

So sehr Computer helfen, Informationen in Windeseile zu sammeln und abrufbar zu machen, so sehr verlieren solche Informationen an Bedeutung. Es gibt schlicht zu viele; zu entscheiden, welche wichtig sind und welche nicht, wird immer schwieriger. Gleichzeitig geht das historische Gedächtnis verloren. Warum sich auch an etwas erinnern, dass man online jederzeit abrufen kann?

Der Cyberspace liefert einem die Nachrichten, die zu einem passen. Die Folge ist, dass das Konzept von Wahrheit relativiert und individualisiert wird. Und das wird die Politik grundlegend verändern - weg von gemeinsamen, hin zu partikulären Interessen. Leider!