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Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache

21/02/2017 22:04 CET | Aktualisiert 21/02/2017 23:39 CET

Allen Frances ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung und lehrte an der Duke University; als Koautor war er an der Entwicklung der psychiatrischen Standardwerke DSM-III und DSM-IV massgeblich beteiligt. In der FAZ wird er wie folgt zitiert: „Die meisten Amateurdiagnostiker wollen bei Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung erkannt haben. Ich habe die Kriterien geschrieben, die für so eine Diagnose zutreffen müssen, und: Herr Trump erfüllt sie nicht."

An Selbstbewusstsein scheint es Herrn Frances nicht zu mangeln. Entscheidet er etwa ganz allein über diese Kriterien? Glaubt er bestimmen zu können, was ein Wort bedeutet? „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache", notierte Ludwig Wittgenstein in "Philosophische Untersuchungen".

Zu fragen, ob der gegenwärtige amerikanische Präsidentendarsteller, der wie alle seine Vorgänger eine Rolle ausfüllt und nicht etwa mit ihr verwechselt werden sollte, gemäss Lehrbuch als krank gilt oder nicht, mag für Mediziner oder Psychologen, die um ihre Deutungshoheit streiten, interessant sein. Für die breite Allgemeinheit ist diese Auseinandersetzung nicht besonders relevant. Denn für die meisten ist die Frage, ob jemand gestört ist oder nicht, keine wissenschaftliche.

À propos Wissenschaft: Wissenschaftlich ist an der DSM, dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen, der Bibel der Psychiatrie, verblüffend wenig. Was eine psychische Störung ist, entscheidet nämlich die APA, die American Psychiatric Association, die mit 36 000 Mitgliedern grösste Psychiatervereinigung der Welt. Genauer: Diese Aufgabe wurde einem Ausschuss von 160 Mitgliedern übertragen, der mit Mehrheitsbeschluss bestimmt. Nachzulesen bei Jörg Blech: Die Psychofalle (S. Fischer, Frankfurt am Main).

„Die USA, die mächtigste Nation der Erde, ist in die Hände von Irren geraten", meinte Thorsten Denkler in der Süddeutschen Zeitung. Das ist keine medizinische Diagnose, sondern ein Satz, der auf den Punkt bringt, was vermutlich die Mehrheit der Amerikaner denkt. Und fast die ganze übrige Welt ziemlich genau so sieht.

Wer im Fernsehen einen Menschen sieht und hört, dessen einziger Referenzpunkt er selber ist, der weiss, dass er (oder sie) es mit einem Gestörten zu tun hat. Expertenrat ist hierbei nicht vonnöten.

Manchmal nennt der Volksmund solche Menschen Narzissten oder bezeichnet sie als nicht richtig im Kopf oder auch als nicht ganz dicht. Das meint alles in etwa dasselbe. Doch natürlich empfiehlt es sich, gelegentlich zu differenzieren. Zum Beispiel so, wie es Richard Yates in „Eine strahlende Zukunft" (DVA München) getan hat:

"Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? 'Psychotisch'? 'Manisch-depressiv'? 'Paranoide Schizophrenie'? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab 'irgendwie verrückt', 'verrückt' und 'total durchgeknallt'. Das sind die Begriffe, denen ich traue."

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