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Die Alzheimerkrankheit und das Leben in Pflegezentren

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Von der Alzheimerkrankheit Betroffene können nicht mehr sagen, wie sie sich verändert haben. Angeregt durch eine Vorlesung des Neurologen Antonio Damasio über dieses Nichterkennenkönnen der eigenen Krankheit, begann der Heimarzt und Gerontopsychiater Christoph Held Angehörige von Patienten in den Pflegezentren der Stadt Zürich nach solchen Anzeichen zu befragen. Dabei herausgekommen sind höchst differenzierte und einfühlsame Aufzeichnungen über Personen, die zwar nicht wirklich so gelebt haben, deren Leid und Not jedoch nicht erfunden ist.

„Der Erzähler dieses Buches ist lediglich Chronist einer langjährigen Veränderung und Ahnungslosigkeit", schreibt Christoph Held im Vorwort zu Bewohner (Dörlemann Verlag, Zürich 2017). Ein sehr begabter Chronist, will man da sofort hinzufügen; einer, der es einem möglich macht, sich anderen Menschen nahe zu fühlen.

Es ist faszinierend und instruktiv, was der Autor alles beobachtet hat. „Während das Eigene bei dieser Krankheit so unerbittlich gelöscht wird, scheint das Fremde und Erworbene länger bestehen zu bleiben." So haben Pflegende bemerken können, dass einige demenzkranke Bewohner von einem Tag auf den anderen in einer Fremdsprache zu ihnen sprechen. Andere hingegen verstehen alle Wörter eines Satzes mit Ausnahme der besitzanzeigenden.

„Wenn die Pflegenden zum Beispiel einer Bewohnerin einen Mantel hinstrecken und sie auffordern, 'Ihren' Mantel anzuziehen, geschieht gar nichts. Sagen die Pflegenden hingegen: 'Mantel anziehen', was zugegebenermassen unfreundlich tönt, streckt die Bewohnerin ihre Arme sofort nach hinten."

Nicht alle, die in einem Pflegeheim untergekommen sind, sind angenehme Menschen. Da gibt es, wie generell im Leben, auch unzufriedene, ungeduldige und störrische. So gestaltet sich etwa der Stuhlgang einiger Bewohner, die sich dagegen wehren, gelegentlich besonders herausfordernd. „Leicht vergessen die Kostenträger der Pflegezentren, dass hinter Pflegeeinträgen wie zum Beispiel 'Klistier im Bett verabreicht' oder 'Bewohnerin behauptet, tot zu sein' nicht nur schweisstreibende Anstrengung, sondern auch eine grosse seelische Not der Pflegenden stehen."

Christoph Held verschafft einem nicht nur Einblicke in das Leben von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, sondern auch in die Welt der Pflegezentren. „Seltsamerweise erfahren wir im Pflegezentrum wichtige Dinge über die Bewohner durch das Reinigungspersonal, das oft in tiefere Gespräche mit den Bewohnern oder ihren Angehörigen verwickelt wird als die Pflegenden oder die Ärzte."

Im Pflegezentrum gehe es zu wie auf einer Notfallstation, lernt man. Die raschen Veränderungen - da brechen Bewohner unvermittelt in Tränen aus oder äussern den Wunsch, auf der Stelle (beim Duschen zum Beispiel) sterben zu wollen - können Pflegende schon mal überfordern. Die Stimmung depressiver Bewohner bessert sich manchmal durch eine Behandlung, doch auch Selbstmorde kommen vor.

Die ganz unterschiedlichen Schicksale, von denen der Autor erzählt - von der Schauspielerin, der Wirtin, dem Alkoholsüchtigen, der Besitzerin eines Einkaufszentrums - , berühren einen; sie sind auch ein überzeugendes Plädoyer für Empathie.

Bewohner ist nicht zuletzt gelungene Aufklärung („Ständiges Gedankenkreisen und ein Gefühl plötzlicher Fremdheit gegenüber den vertrautesten Gegenständen und Menschen tragen in noch höherem Masse zum Leiden der Bewohner bei als ihre Vergesslichkeit.") sowie weise Ermunterung „für die Demenz und Depression zu üben", die uns alle im Alter ereilen und packen können.