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Deutschland auf dem Weg in die Anstalt: Wie wir uns kaputtpsychologisieren

15/02/2016 17:16 CET | Aktualisiert 15/02/2017 11:12 CET
allanswart via Getty Images

Burkhard Voss ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und bezeichnet sein eigenes Schreiben als "scharf formulierte Kritik an der Psychotherapie sowie an den Krankheitserfindern". Einige seiner Schlussfolgerungen ("Wer nicht reflektiert, ist klar im Vorteil") sind allerdings von einer Simplizität, die einen schaudern lassen.

Wolfgang Clement schreibt im Vorwort zu Deutschland auf dem Weg in die Anstalt (Solibro Verlag, Münster 2015) : "Man muss nicht alle Positionen des Autors teilen - das tue ich auch nicht - aber seine entschiedene und auch erfrischende Kritik an einer leichtfertigen Übernahme von Trends und Zeitgeistverirrungen kann die öffentliche Diskussion bereichern."

Einer dieser Zeitgeisttrends besteht darin, dass für alles und jedes psychologische Betreuung angeboten wird. Keine Naturkatastrophe, keine Entführung, kein Unfall etc., ohne dass uns die Medien wissen lassen, ein Care-Team sei vor Ort. Was dieses dann genau macht (außer, wie die Medien, den Rettungskräften im Weg stehen), erfährt man dann allerdings nicht.

Aus Untersuchungen zu 9/11 wissen wir, dass die Angehörigen der Opfer, die damals keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben, am besten mit dem Verlust umgehen konnten.

Burkhard Voss orientiert sich an der Wissenschaft. Die über 190 Gender-Professuren in den geisteswissenschaftlichen Bereichen an deutschen Unis und Fachhochschulen hält er für Pseudowissenschaft. Ich selber wüsste nicht einmal zu sagen, was an den Geistes- oder den Rechtswissenschaften wissenschaftlich sein könnte.

Von der Psychoanalyse und der postmodernen Philosophie ("hat sich verabschiedet von Empirie und Fakten") hält Burkhard Voss auch nichts. Und von der politischen Korrektheit, gemäß der (unter anderem) das angeblich diskriminierende Wort "Behinderte" durch "Menschen mit besonderen Eigenschaften" ersetzt werden soll, überhaupt gar nichts.

Laut dem Autor bilden Psychoanalyse, postmoderne Philosophie und Gender-Mainstreaming die drei Säulen der Reflexivkultur, die er als "uferlos" bezeichnet. "Das Ergebnis sind überdrehte Zeitgenossen, die mit ihrem ständigen Psychologisieren und Problematisieren nicht nur nervtötend sind, sondern auch wichtige Entscheidungen blockieren. Ob im privaten Umfeld oder in der Politik: Eigene Befindlichkeit geht vor Gemeinwohl, Subjektives sticht Tatsachen, Wohlfühl-Diktat schränkt individuelle Freiheit ein."

Gegen die von ihm so genannte Reflexivkultur schreibt Burkhard Voss nicht nur an, sie inspiriert ihn auch. Zur Vorstellung etwa, dass "ein Klassenausflug im Jahre 2022 nur unter Hinzuziehung eines Traumatherapeuten für den betreuenden Lehrer durchführbar" sein wird.

So pauschal und effekthascherisch (aber eben auch witzig) der Autor durch die Gegend wütet, er kann auch anders, nüchtern und ernsthaft. Es wäre "irrsinnig zu behaupten, dass alle Organe und Organsysteme des Menschen prinzipiell erkranken können, aber das komplexeste Organ, das Gehirn, gerade nicht. Natürlich gibt es psychische Erkrankungen. Diese werden in den letzten Jahren deutlich mehr diagnostiziert, sie treten nicht tatsächlich mehr auf. Das muss man auseinanderhalten."

Voss zitiert Paul Watzlawik, Ernst Jünger, Konfuzius und Freud, erinnert an den Fall des Binjamin Wilkomirski, dessen posttraumatische Konzentrationslager-Kindheitserinnerungen erfunden waren, ereifert sich über Achtsamkeitsgetue (Israelische Kardiologen fanden heraus, dass die Nicht-Achtsamen länger leben) und über "dauerreflexive Gutmenschen."

Was er nicht erwähnt (oder habe ich es überlesen?): Wir verdanken diese Entwicklung zur Therapie-, Betreuung- und Beratungsgesellschaft nicht in erster Linie den Hilfe- und Ratsuchenden, sondern den Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern, die grosses Interesse an solchen (und noch viel mehr) Problemen haben. Weil sie damit Arbeit haben. Und gut davon leben können.

Burkhard Voss plädiert für das rechte Maß. Dass er das ohne Maß tut, soll ihm nachgesehen werden. Weil die Stoßrichtung stimmt. Und auch solcher Sätze wegen: "Stress ist die anthropologische Zumutung schlechthin. Was sind dagegen schon Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen."

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