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Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption

21/02/2016 12:54 CET | Aktualisiert 21/02/2017 11:12 CET
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Antônio Francisco Bonfim Lopes genannt Nem, einer der berüchtigsten Drogenbosse Brasiliens, wird 2011 bei einem Fluchtversuch festgenommen. Die Verhaftung ist ein nationales Medienereignis. Seither sitzt er im Staatlichen Hochsicherheitsgefängnis von Campo Grande, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso. Dort hat ihn der Journalist Misha Glenny innerhalb von zwei Jahren insgesamt zehn Mal besucht, die ersten beiden Male für zwei Stunden, die folgenden für drei.

Entstanden ist so Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption (Tropen Verlag, Stuttgart 2016). "Nems Geschichte erzählt viel über das Brasilien der Gegenwart - im Guten wie im Schlechten. Sie erzählt aber auch, wie Männer und Frauen unter widrigsten Bedingungen nicht nur überleben, sondern darüber hinaus auch Erfolg haben können. Wie sie es schaffen, sich auf dem schmalen Grat zu bewegen, der Leben und Tod voneinander trennt."

Antônio kam am 24. Mai 1976 in Rocinha, einer Favela (einem Slum) in Rio de Janeiro zur Welt. Er wuchs zusammen mit seinem Stiefbruder Carlos bei seinen Eltern auf, die sich andauernd heftig stritten. Die Mutter war Alkoholikerin, der Vater zumeist das Opfer ihrer Misshandlungen.

Als Bub verdiente Antônio Geld als Balljunge auf den exklusiven Tennisplätzen des Hotels Intercontinental im reichen Stadtteil São Conrado. "In den gesamten 18 Monaten dort verwickelte kein einziges Mitglied der Tenniselite von Sãp Conrado den Jungen in ein Gespräch, abgesehen von der Aufforderung, den Ball zu holen."

Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption zeigt eindrücklich auf, dass das sogenannte Drogenproblem in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden muss. Nicht nur in Brasilien, sondern weltweit.

"Die Logik des "War on Drugs" - des Kriegs gegen die Drogen - , an dem Washington und der Grossteil Europas nach wie vor festhalten, hatte einen gnadenlosen Kreislauf aus Mord und Exzess in Gang gesetzt, der die Waffenhersteller, die südamerikanischen Drogenhändler und die Kokain konsumierende Mittelschicht von Berlin bis Los Angeles zusammenschweisste."

In Brasilien waren die Auswirkungen der Kokain-Epidemie der 1980er und 1990er Jahre dramatisch. In den Favelas "war die Tötungsrate vergleichbar mit der kriegsführender Nationen." Der Staat hatte die Kontrolle über die Polizei verloren; diese war eine der Kriegsparteien.

Jedes soziale Gebilde, um funktionieren zu können, braucht eine verlässliche Ordnungsmacht. Das gilt auch für die Favelas. Misha Glennys nicht geringes Verdienst ist es, aufzuzeigen, wie fragil die soziale Ordnung ist, innerhalb der Favelas und ebenso ausserhalb.

Nems Verwandlung vom schlecht verdienenden Angestellten, der die Arztkosten für seine Tochter nicht bezahlen kann und sich deshalb der Drogengang in seiner Favela andient, zum Drogenboss ist nachvollziehbar geschildert, auch wenn einen gelegentlich Zweifel beschleichen, ob das alles wirklich so abgelaufen ist. Misha Glenny war schliesslich nicht dabeigewesen, obwohl die direkten Zitate das zu suggerieren scheinen.

Trotzdem: Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption ist fundierter Journalismus, der auch ganz wunderbare Anekdoten erzählt. Etwa wie Nem sich vor Frau und Geliebter, die gleichzeitig von ihm ein Kind erwarten, in Sicherheit zu bringen sucht.

Ach wenn Brasilien ein Land ist, "wo eine ausgiebige mündliche Kommunikation untrennbarer Bestandteil der Kultur zu sein scheint, bleibt in diesem Buch Wesentliches ungesagt. "Ich habe detaillierte Informationen darüber erhalten, wie das politische Establishment direkt oder auch direkt, den Kontakt mit Nem suchte, um Einfluss auf die Favela, die dortigen Wähler und die Wirtschaft vor Ort zu nehmen". schreibt der Autor.

"Doch obwohl dies überzeugende Berichte sind, kann ich sie nicht durch Dokumente oder beeidigte Zeugnisse belegen - die Zeugen fürchteten sich zu sehr." Vor Leuten in der Regierung!

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