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Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte

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Hanna Johansen, 1939 in Bremen geboren und in Kilchberg bei Zürich lebend, hat während dreier Monate protokolliert, wie sie Klavier spielen lernte. Nein, nicht sie, sondern die Ich-Erzählerin, die, so ist zu vermuten (weshalb auch sonst die Unterscheidung?), nichts oder nur wenig mit der Autorin zu tun hat. Zumindest soll das (oder etwas Ähnliches) suggeriert werden.

Wie auch immer. Wie viel von der Autorin in der Ich-Erzählerin zu finden ist, ist eine Frage, die Literaturinteressierte beschäftigen mag. Ich will mich allein damit beschäftigen, was das Buch bei mir auslöst.

Sofort gepackt hat mich der Titel: Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte. Dass und wie eine Frau im fortgeschrittenen Alter das Klavierspielen entdeckt, weckte meine Neugier. Ich versprach mir von der Lektüre etwas Zen-Buddhistisches, Acht- und Wachsames, Schwieriges und gleichzeitig Leichtes. Und fühlte mich darin bestätigt, als ich las: „Heute ist ein duftender Septembertag, nur ein Hauch von einem Wind, damit man die Frische fühlen kann, ein leises Wehen in der Birke, kein Rauschen, kein Rascheln."

Das Geröll und die Unebenheiten auf dem Weg

Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte (Dörlemann Verlag, Zürich) lese ich als einen Text über die verschiedensten Wahrnehmungen und ihren Umgang damit: leicht, schwebend, konstatierend, nie problematisierend. „Schön war an dem Spaziergang auch, dass ich Schuhe mit dünnen Sohlen hatte, die es erlaubten, das Geröll und die Unebenheiten auf dem Weg genau wahrzunehmen."

Es ist auch ein Text zum Schmunzeln. „Ich muss meine linke Hand besser verstehen. Sie hat es nötig. Und während ich darüber nachdenke, höre ich im Radio eine Motette von Bach: 'Der Geist hilft unserer Schwachheit auf', singen sie. Ich hoffe, sie hat es gehört, meine Linke."

Vor Kurzem las ich Thupten Jinpas Mitgefühl (O.W. Barth Verlag, München), in dem viel vom Üben die Rede ist. „Wenn wir uns morgens ein Ziel setzen, treffen wir damit eine Entscheidung, wie wir unseren Tag gestalten wollen. Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand, anstatt abzuwarten, was uns wiederfährt. Vielleicht gerät unser Entschluss im Laufe des Tages ins Wanken und unsere Absicht zeitweise ausser Sicht; aber indem wir uns ein Ziel setzen - und es immer wieder erneut setzen - , erkennen wir die Tatsache an, dass wir eine Wahl haben ...".

Hürden sind dazu da, zerlegt zu werden

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Hanna Johansen Sätze las wie: „Heute habe ich wieder vor dem Frühstück am Klavier gesessen, aber sonst war ich nicht gerade diszipliniert. Das macht nichts, solange ich nicht zulasse, dass Tage ganz ohne Üben vergehen." Oder: „Hürden sind dazu da, zerlegt zu werden, das weiss ich schon." Oder: „Die individuellen Varianten will ich nicht unterschätzen, aber auch der begabteste Mensch wird Widerstände zu überwinden haben, einfach darum, weil die neuen Wege im Gehirn noch nicht vorgespurt sind. Bei den langwierigen Ausbauarbeiten an diesen Wegen wäre die Erfahrung einer Lehrerin zweifellos nützlich, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, das Rad neu zu erfinden. Mich lockt es, die uralten Beobachtungen selber zu machen und die wahrscheinlich ebenso uralten Auswege selber zu finden. Lernen."

Sie lernt alleine, ohne Lehrer. Ihr ist klar, dass „eine Lehrerin mit dem entsprechenden Urteilsvermögen hilfreich wäre", doch sie will es alleine schaffen, nicht verbissen, doch bestimmt, sie ist eben so.

Ganz wunderbar und höchst motivierend, so wirkt dieser Text auf mich, der natürlich nicht nur vom Klavierspielen handelt, sondern auch von vielen anderen Dingen und Ereignissen im Leben der Protagonistin - der Kindheit in Norddeutschland, den eigenen Kindern, der Gegenwart in der Schweiz, der Gartenarbeit („Rasenmähen gehört zu den wenigen Dingen, die man nicht lernen muss."), dem Lernen („Bewegungsabläufe müssen in Fleisch und Blut übergehen, heisst es ... Begreifen reicht nicht."), dem Wetter und und und ...

Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte ist ein berührendes, lehr- und hilfreiches Buch, das unterhaltsam und anregend Mut auf's Lernen und auf eigene Entdeckungen macht.