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Dem Hymnus der Schöpfung lauschen

20/02/2017 01:11 CET | Aktualisiert 20/02/2017 01:11 CET

In einem obskuren Laden in Hamburg stösst die Pianistin Hélène Grimaud, während einer Pause zu Proben von Brahms Zweitem Klavierkonzert, auf ein Manuskript, von dem sie glaubt, es sei von Brahms. Das ist packend geschildert, man wähnt sich mit dabei im Hamburger Regen, fühlt mit der ob des Fundes zwischen Unglauben und Irritation schwankenden Autorin.

„Ich mochte die raue Geradlinigkeit seines Wesens und seine Konzessionslosigkeit. Er konnte nein sagen, duldete keine Einbrüche der Welt in die seine und zog sich oft in die Natur zurück, um dem Hymnus der Schöpfung zu lauschen."

Kein Wunder, gefällt ihr Brahms' Haltung, denn auch sie selber hat einen engen Bezug zur Natur. Sie empört sich über den Umgang des Menschen mit ihr, bedauert die Zerstörung, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass der Gesang der Vögel und das Rauschen der Bäche in den Wäldern zunehmend den Motorengeräuschen und dem Smog hat weichen müssen. Und sie fragt sich, was wir eigentlich dagegen tun, „ausser mit dem Finger auf die beiden Schwellenländer China und Indien zu zeigen, die wir beschuldigen, die grössten Umweltsünder des Planeten zu sein, während wir uns vollstopfen ..." und weiterhin das von den Politikern und der Industrie geforderte Wachstum garantieren, indem wir uns zu Tode konsumieren.

Ist die Erzählung wirklich von Brahms?

Hélène Grimaud will daran glauben, dass das Manuskript aus dem Hamburger Antiquariat von Brahms stammt. Sie identifiziert sich mit der Erzählung, ist sich allerdings unschlüssig, ob diese Fiktion oder Realität ist. Was für ein reales Geschehen spricht, ist das Staunen von Brahms' Freunden über dessen vollkommenes Einswerden mit der Natur, „das so weit ging, dass er den Regen einfach nicht traurig finden konnte. Wenn es regnete, entdeckte er in der Landschaft eine andere Art von Schönheit, die er später in seinen Liedern zum Vorschein brachte."

Ganz sicher ist sich Hélène Grimaud jedoch nicht, ob der Text wirklich von Brahms ist. Sie beginnt in den Biografien des Komponisten nachzuforschen. Folgt Vermutungen und Ahnungen, macht sich auf nach Rügen. Und findet einen seelenverwandten Naturfreund.

Doch Das Lied der Natur (C. Bertelsmann München) ist nicht nur ein Buch über ihre Beziehung zu Brahms, sondern auch ein Buch darüber, dass und wie alles zusammenhängt. Die Schumanns mit Brahms mit Adelbert von Chamisso mit E.T.A. Hoffman mit Edgar Allen Poe mit Dostojewski ...

Gotthilf Heinrich von Schuberts Naturphilosophie

Hélène Grimaud erzählt auch von Gotthilf Heinrich von Schuberts Naturphilosophie. Und fragt sich, ob es sein könnte, dass wir derart mit der Schöpfung verbunden sind, dass wir, sei es durch eine Art unbestimmten Unbehagens, sei es in Gestalt einer chronischen Depression, die Leiden empfinden, die wir ihr zufügen?

Das Lied der Natur ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn. „Den Augenblick leben, das bedeutet, dass man lernt, sich all dessen bewusst zu sein, was uns umgibt, und unsere Seele damit zu nähren. Die Wölfe haben mich diese Wachsamkeit des Geistes gelehrt und dass die Zeit ein Territorium sein kann, um das man sich mit Leib und Seele kümmern muss."

Sich dem hinzugeben, was ist, was wir sehen und empfinden können, ist vermutlich die weiseste Form, um sich auf dem Planeten Erde zuhause fühlen zu können. Hélène Grimaud erlebt diese Hingabe manchmal in der Musik. Und sie erlebt sie unter Wölfen. Und wenn sie Brahms liest.

Und der Leser kriegt eine Ahnung davon, wenn er sich auf dieses Buch einlässt.

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