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Das Mädchen und der Gotteskrieger

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Der junge Mann, vielleicht aus Afghanistan, vielleicht aber auch von anderswo, der in einem Regionalzug bei Würzburg mit Axt und Messer auf Fahrgäste losgegangen ist, habe sich in Rekordzeit radikalisiert, war in verschiedenen Medien zu lesen. Doch woher will man das wissen? Und: Kann man sich wirklich in Rekordzeit radikalisieren, ist das nicht ein längerer, unbewusster Prozess?

Wissen lässt sich das nicht, wir können nur Vermutungen anstellen. Auch darüber, was Jugendliche bewegen mag, sich nach Syrien aufzumachen, um sich dort dem IS anzuschliessen.

Güner Yasemin Balci, 1975 in Berlin-Neukölln geboren, ist dieser Frage nachgegangen. Sie macht Filme und schreibt Bücher, die auf den Erfahrungen ihrer langjährigen Arbeit mit Jugendlichen aus türkischen und arabischen Familien in Neukölln basieren. Ihr neuestes Werk Das Mädchen und der Gotteskrieger (S. Fischer, Frankfurt am Main 2016) handelt von der 16-jährigen Nimet, die über eine Anwerberin namens Nour an Saed, einen angeblich 25-jährigen Maschinen-Ingenieur in der Türkei, gerät.

Der Kontakt zwischen Nimet und Saed gestaltet sich via WhatsApp. Er sei zufällig auf sie gestossen, macht er ihr weis und aus unerfindlichen Gründen scheint sie ihm das nicht nur zu glauben, sondern verändert sich unter seinem Einfluss in der Folge mehr und mehr. Sie entfernt sich von ihrer Familie und auch von ihren Freundinnen.

Obwohl sie nicht weiss, wie Saed aussieht und nur seine Stimme kennt, verliebt sie sich in ihn, lässt sich von ihm zum Beten bewegen, verändert sie ihre Ansichten und ihr Leben radikal, trägt plötzlich Kopftuch.

Sie zieht zu ihrer neuen Freundin Nour, der sie aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen vertraut. Im Verlaufe der Geschichte dämmert dann auch Nimet, dass Nour sie hinters Licht geführt hat.

Als sie eines Tages eine Nachricht von Saed erwartet, meldet sich ein ihr unbekannter Mann. Saed sei im Kampf verletzt worden, er wolle sie sehen, sie solle ins türkisch-syrische Grenzgebiet kommen. Nimet wendet sich an Nour, die schon alles organisiert hat. Nimet macht sich mit unguten Gefühlen auf den Weg ...

Güner Balci kennt das Berliner Milieu, sie weiss, wovon sie schreibt. Umso verblüffender ist, wie unwirklich die Geschichte von Nimets Rekrutierung zur Dschihad-Braut rüberkommt. Kann das sein, dass eine Berliner 16-Jährige auf eine solche Ansprache reinfällt? "O du meine Schöne, ich küsse deine Augen und dein samtweiches braunes Haar. Möge Allah dich bald wieder gesund werden lassen. Amin."

Es handle sich bei Nimets Geschichte um eine Reportage, lese ich auf dem Buchumschlag. Das meint: die Autorin hat recherchiert und erzählt auf der Basis von Fakten. Trotzdem hatte ich nicht wenig Mühe, mir vorzustellen, dass eine solche Wandlung im richtigen Leben möglich ist. Und genau darin liegt die Stärke dieses Buches: dass es das Unfassbare nicht fassbar macht, dass es nicht nachvollziehbar macht, was nicht nachvollziehbar ist, dass es einfach schildert, was passiert.

Ich fühlte mich an Michelle Nahliks Das Maktub von Luana. Sugar. Ein Tagebuch (elfundzehn Verlag, Eglisau 2010) erinnert, worin unter anderem geschildert wird, wie leicht und ohne es wirklich wahrzunehmen, man heroinabhängig werden kann. Genauso leicht kann man offenbar der Hoffnung auf die grosse Liebe verfallen und zur Dschihad-Braut werden.