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Das Leben, das Sterben und ich

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Wir leben in eigenartigen Zeiten: Für alles und jedes gibt es Kurse, braucht es Diplome, muss man sich qualifizieren. Als die Journalistin Ilka Piepgras, aufgerüttelt durch das tödliche Herzversagen ihres gerade einmal fünfzigjährigen Nachbarn, sich mit dem Tod auseinandersetzen will, beschliesst sie eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin zu machen. „Hier lernt man Unvoreingenommenheit wie woanders Stricken oder Russisch. Es ist eine Schule der Vorurteilslosigkeit."

Ob man Vorurteilslosigkeit wirklich in einem Kurs lernen kann, sei einmal dahingestellt, doch Ilka Piepgras lernt als Sterbebegleiterin Einiges, zum Beispiel, „den eigenen Turbo-Lebensrhythmus der langsamen Gangart eines verlöschenden Menschen unterzuordnen. Raum und Zeit verschwinden dann, die Welt entfernt sich kolossal, und ich trete so stark mit mir selbst in Verbindung wie sonst nie."

Natürlich hört sie auch Hilfreiches in ihrem Kurs, jedoch: „Im Hospiz bin ich gezwungen, mich komplett auf mich selbst zu verlassen, auf Intuition und Instinkt. Kein akademischer Grad, kein beruflicher Erfolg ist hier von Bedeutung, weder Status noch Reputation. Es geht um das Leben, um seine Schwere und Schönheit", schreibt sie in Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr (Droemer Verlag, München 2017).

Ilka Piepgras erzählt nicht nur Geschichten vom Sterben, das ganz unterschiedlich sein kann - langsam oder abrupt, schwer oder leicht - , sondern auch davon, wie Hinterbliebene mit dem Tod umgehen. Etwa Karima Banit, die ihren Sohn durch einen Motorradunfall verlor, was ihre Sicht aufs Leben sehr verändert hat. Sie habe heute keine grosse Angst mehr, vor gar nichts, das sei eine Art Befreiung, sagt sie, denn schlimmer könne es nicht werden, weil sie ja die existenzielle Erfahrung bereits gemacht habe. Der Gedanke, einmal zu sterben, berühre sie weniger als vorher.

Was Ilka Piepgras' Erzählen unter anderem auszeichnet, ist ihr eigenes Präsentsein in den Geschichten, die sie schildert. Sie hört zu, ist wissensdurstig und lernwillig. Und lässt den Leser daran teilnehmen, was das, was sie erlebt, bei ihr auslöst, wie es auf sie wirkt. „Plötzlich habe ich das Gefühl, als dehnte und weitete sich das Leben. Als wäre mit dem Tod längst nicht alles vorbei. Neue Räume öffnen sich. Vielleicht ist es an der Zeit, ein paar Schulweisheiten über Bord zu werfen und aufgeschlossen für das Metaphysische zu sein. Dem Verborgenen mehr Bedeutung zu geben und nicht nur dem Aufmerksamkeit zu schenken, was man sieht und liest."

Es versteht sich: So positiv gestimmt ist Ilka Piepgras nicht immer, sie hat, wie wir alle, auch ganz andere Momente. Schliesslich können Besuche in Altenheimen einen auch frustrieren. „Mich widert es an, das Sterben und mehr noch der Verfall in der Zeit davor, das Freudlose und Hässliche, der Stumpfsinn und die Geistlosigkeit - kurz, das lange Warten auf den Tod. Ich habe die Nase voll von dieser kleinmütigen Welt, die nach Urin und abgestandenem Schweinshack riecht, habe genug von ihren ausgeleierten Körpern und notdürftig übertünchter Hoffnungslosigkeit." Doch auch diese Gefühle, wie Gefühle überhaupt, halten nicht an.

„Tu immer das, was den grössten Mut erfordert."

Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr hält, was der Titel verspricht. Vom schwer kranken katholischen Theologen und Jesuiten Medard Kehl lernt sie, dass es nicht darum geht, „was der Verstand für wahr hält, sondern darum, wonach man sein Leben ausrichtet. Um die Geisteshaltung." Und von der 84jährigen Künstlerin Mary Bauermeister, die das ganze Leben als Schulprogramm, als Gelegenheit zum Üben versteht, kriegt sie den Rat: „Tu immer das, was den grössten Mut erfordert. Geh darauf zu, wovor du Angst hast, und du wirst wunderbare Dinge erleben."

Es sind solche überzeugenden Sätze, die mir dieses Buch wertvoll machen. Weniger überzeugend empfand ich hingegen so platt-verallgemeinernde Aussagen wie „Der moderne Mensch plant die Entscheidung, wo und wie er sterben will, ähnlich strukturiert wie die Entscheidung, eine Reise zu buchen oder eine neue Küche zu kaufen." Oder: „Mit 50 schämt man sich für sein Alter, und mit achtzig ist man, wenn es gut läuft, froh, am Leben zu sein. In der Zeit dazwischen altert man."

Berührt fühlte ich mich besonders von Ilka Piepgras' Schilderungen ihres persönlichen Erlebens und Nachdenkens. Als sie einmal im August an der französischen Atlantikküste entlangläuft, notiert sie: „Inmitten all der Menschen, die gewaltige Brandung des Meeres im Ohr und vor Augen, durchfuhr mich plötzlich ein Gefühl von Vergänglichkeit, nur einen Moment lang habe ich das so empfunden, habe physisch gespürt, wie begrenzt meine Existenz ist und wie stark ich gleichzeitig mit meiner Umgebung verbunden bin. Ein kurzer Moment, so durchdringend, dass er bis heute nachklingt. Ist das gut oder schlecht? Ich weiss es nicht, aber was ich weiss, ist das hier: Sie fühlt sich fast religiös an, diese Eingebundenheit in die reale Welt."

Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr ist ein sehr informatives, erfreulich nüchternes und lebensphilosophisches Buch. Gedanken wie die des Theologen Gisbert Greshake, der meint, der Mensch sei umso mehr Mensch, als er nicht um sich selbst kreise, finde ich ausgesprochen hilfreich. Genauso wie die Erkenntnis der Kolumnistin Lucy Kellaway: „Der Tod konfrontiert dich mit der Frage, ob das, was du tust, auch das ist, was du tun willst. Seine Brutalität bringt alles Gewohnte durcheinander."