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Harry Svensson folgt seinen Eingebungen ...

23/05/2017 12:42 CEST | Aktualisiert 23/05/2017 16:36 CEST

Harry Svensson, Exreporter einer Stockholmer Zeitung, lernt eine Weinhändlerin aus Malmö kennen, die auf Spanking steht. Zumindest sagt sie das und er glaubt es ihr, da er selber es auch tut, doch dann kommt alles ganz anders und Svensson entdeckt in seinem Hotel eine Frauenleiche und neben ihr den vollkommen zugedröhnten, bekannten Musiker Tommy Sandell. Für einen Journalisten natürlich ein gefundenes Fressen ...

Der Autor Mats Olsson (geboren 1949) ist selber Journalist, ein erfahrener, und seine Bemerkungen über den Journalismus sind nicht nur kenntnisreich („... war der Typ Journalist, der Glücksgefühle in allen Chefetagen dieser Welt auslöst, weil er nicht etwa daran interessiert war, Geschichten zu erzählen und neue, wichtige oder spannende Zusammenhänge aufzuspüren, über die man schreiben konnte, sondern nur mehr darauf schielte, wie viele Klicks seine notizengleichen Erzeugnisse im Internet generierten."), sondern auch witzig („Ich fragte mich, ob die Polen sich ähnlich schwertaten, Harry Svensson richtig zu buchstabieren, wie ich mich mit Justyna Kasprzyk schwertat.").

Dann gibt es einen weiteren Mord nach demselben Muster, diesmal in Göteborg. Und wieder, wie schon beim Mord in Malmö, kriegt Harry Svensson eine anonyme Email, die vom Spanking-Mörder stammt, der ihm offenbar aus der Vergangenheit verbunden ist. Er geht der Sache nach, folgt dabei seinen Eingebungen und landet in Malmö, wo er aufgewachsen ist. „Ich habe mein ganzes Leben versucht, aus Malmö wegzukommen, aber immer wieder zieht mich etwas Unerklärliches dorthin zurück, und sobald ich dort bin, will ich wieder weg." In der Folge macht er sich auf nach New York - vielleicht gab es ja in der dortigen Spanking-Szene etwas über den schwedischen Spanking-Mörder zu erfahren.

Was diesen Thriller unter anderem auszeichnet ist sein erhellender Blick auf das Funktionieren der modernen Medien, in welcher die Menschen, wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch, auf kostensparende, sitzende Tätigkeiten vor einem Bildschirm reduziert werden. Es ist ein zuweilen nostalgischer Blick auf einen Journalismus, bei dem nicht allein der Profit im Vordergrund stand, doch vor allem ist es ein nüchterner Blick auf unsere heutige Konsumwarenwelt, in der auch die journalistische Wiederverwertung gang und gäbe ist. „Heutzutage aber, da die meisten Leute nur noch ein-, zweimal pro Woche in die Zeitung schauen, ist es überhaupt kein Problem, alte Listen, Vergleichstests oder Rezepte mehrfach wiederzuverwerten."

Tolle Dialoge („Eine gute Frau." „Du magst doch sowieso jede." „Was ist daran verkehrt?"), anregende Beobachtungen („So ist das Landleben nun mal: Vögel tippeln herum und picken Sachen auf, und Menschen sehen ihnen dabei zu.") und viele ganz wunderbare Beziehungsgeschichten zeichnen diesen Thriller aus.

Demut ist darüber hinaus auch ein höchst illustratives Porträt des heutigen Schweden, in dem die Innenstädte so uniform sind, wie fast überall in der kapitalistischen Welt („im Gamla-Väster-Viertel, das neuerdings nur mehr Neureiche aus vermeintlichen Kreativberufen beherbergte - Journalisten, Fotografen, Autoren, Werbetexter und einen überwinternden Altrocker namens Bladh.") und sich der Protagonist über die ländlichen Gegenden wie folgt auslässt: „Ob das der Inbegriff Schwedens im einundzwanzigsten Jahrhundert war? Eine Dorfkirche, dahinter ein Wohnwagenpuff, eine Biker-Gang links daneben und Bewohner, die sich hinter vorgezogenen Gardinen verbarrikadierten?"

Demut (btb Verlag, München 2017) ist auch ausgezeichnet geschrieben; der Autor weiss, wie man Spannung schafft, er versteht das Krimi-Handwerk. Und mir wird beim Lesen wieder einmal bewusst, warum ich unter anderem guten Journalismus schätze - weil er sich an der Realität und nicht an Hirngespinsten orientiert.

Ein grossartiger Page-Turner!