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Das Königreich der Sprache

15/05/2017 17:21 CEST | Aktualisiert 15/05/2017 17:21 CEST

Seit den 1960er-Jahren sind die meisten Linguisten der Auffassung, dass der Mensch über ein angeborenes Sprachorgan verfügt, dass sich im Gehirn befindet, auch wenn es dort nicht physisch nachweisbar ist. Zudem glauben sie, dass allen Sprachen bestimmte universelle Formen gemeinsam seien, darunter die Rekursion, das heisst, einen Satz oder einen Gedanken in einen jeweils anderen einzubetten oder, anders gesagt, einzelne Gedanken als untergeordnete Teile zu betrachten. Ohne die Fähigkeit, rekursiv zu denken, könnte der Mensch keine Nebensätze bilden.

Diese Ideen gehen auf den berühmtesten lebenden Linguisten zurück, auf Noam Chomsky. Und diesen erträgt ein anderer Berühmter, der Autor Tom Wolfe, so ziemlich gar nicht, weshalb es ihm ganz wunderbar zupass kam, als der Linguist Daniel L. Everett von seinen Forschungen bei den Pirahã, die isoliert im tiefsten Inneren des brasilianischen Amazonasbeckens leben, berichtete, die Chomskys Theorie widersprachen.

Die Pirahã, so Everett, würden die Rekursion nicht kennen. Zudem sei ihre Sprache, fasst Tom Wolfe in Das Königreich der Sprache (Karl Blessing Verlag, München 2017) Everetts Erkenntnisse zusammen, „deutlich von der charakteristischen Kultur und einzigartigen Lebensweise der Pirahã geformt worden - und nicht von irgendeinem 'Sprachorgan', nicht von irgendeiner 'universellen Grammatik' oder 'Tiefenstruktur' oder 'Spracherwerbsvorrichtung', die Chomsky zufolge allen Sprachen gemein waren."

Einer der Gründe, weshalb Tom Wolfe Noam Chomsky nicht mag, liegt offenbar darin, dass er ihn für einen Stubengelehrten hält. „Er ist niemals outdoors, ausser um zum Flughafen zu fahren und von dort zu andern Universitäten zu fliegen, auf dass man ihm die Ehrendoktorwürde verleihe ... mehr als neununddreissig nach letzter Zählung ... er bleibt unbeschmutzt vom Maici (einem Fluss inmitten des Amazonasgebiets) oder irgendeinem anderen Dreck, den das Leben danieden produziert."

Daniel Everett hingegen ist ein wahrer Feldforscher, er lebte insgesamt drei Jahre zusammen mit Frau und älterer Tochter bei den Pirahã, „im unzivilisierten Nordwesten des Amazonas", und beschäftigte sich dreissig Jahre lang mit ihrer Sprache. Auch Tom Wolfe ist ein Feldforscher, der für seine thematisch sehr unterschiedlichen Bücher jeweils ausgiebig vor Ort recherchiert hat.

Das Königreich der Sprache handelt jedoch nur zum Teil von der Frage nach dem Ursprung der Sprache, es ist auch wesentlich ein Buch vom Ursprung und der Entwicklung des Menschen. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Charles Darwins Evolutionstheorie „die Entzauberung der Welt" (Max Weber) eingeleitet.

„Gebildete Menschen und selbst ernannte Kultivierte in ganz Europa hatten begonnen, sich von den märchenhaften, magischen, abergläubischen, unlogischen, unglaubwürdigen christlichen Wunderlehren abzuwenden - von der unbefleckten Empfängnis, der Schöpfungsgeschichte (Erschaffung der Welt in sieben Tagen), der Auferstehung, der Kraft des Gebets, der Allmacht Gottes und x-anderen, ihrer ganz Art nach irrationalen Vorstellungen."

Der zu der Zeit (1861) bekannteste und angesehenste Sprachwissenschaftler Englands, der in Dessau geborene Friedrich Max Müller, hielt jedoch Darwins Idee, dass Sprache sich irgendwie durch die Imitation tierischer Laute entwickelt habe, für einen Witz und mokierte sich darüber als die Wauwau-Theorie. Für Müller galt: "Die Sprache ist unser Rubikon, und kein Tier wird wagen ihn zu überschreiten."

Ob die Sprache, wie Chomsky glaubt, „angeboren" ist oder, wie Everett annimmt, ein Artefakt ist, ist wohl noch nie so engagiert, witzig und anregend behandelt worden wie in Tom Wolfes Das Königreich der Sprache, einem veritablen Wissenschafts-Thriller.

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