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Couragiert gegen den Strom: Über Goethe, die Macht und die Zukunft

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Letztendlich ist alles eine Frage des Marketings. An diesen Satz eines amerikanischen Finanzfachmanns musste ich denken, als ich mich höchst angeregt mit Sahra Wagenknechts Couragiert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft (Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017) beschäftigte, denn das Verlagsmarketing ist in diesem Fall klar irreführend - das ansprechende Foto von Frau Wagenknecht auf dem Umschlag sowie die Gestaltung des Buchtitels vermitteln nämlich den Eindruck, sie habe ein neues Buch geschrieben. Und das ist so nicht richtig. Richtig ist vielmehr, dass es sich bei diesem Buch um ein langes Gespräch zwischen Sarah Wagenknecht und dem Journalisten Florian Rötzer handelt, ergänzt mit einigen (beachtlichen, wie ich finde) Reden der Politikerin.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Lektüre lohnt. Und das hat wesentlich damit zu tun, dass da zwei denkende Menschen, beide akademisch ausgebildet in Philosophie, sich differenziert und nicht immer einer Meinung über ganz unterschiedliche Themen austauschen. Das geht von der sozialen Gerechtigkeit über Goethe als Gesellschaftskritiker bis zur Einwanderungspolitik.

Sahra Wagenknecht macht auf Zusammenhänge aufmerksam, die im parteipolitischen Kleinkrieg meist untergehen beziehungsweise nicht thematisiert werden wollen. „Die CDU beispielsweise will nicht über Krieg oder Frieden reden, denn da müsste sie ja über die Kriegseinsätze der Bundeswehr oder darüber reden, wie sinnvoll es ist, Waffen in Kriegs- und Krisengebiete zu liefern und mit Mord und Tod auch noch Profite zu machen (...) Das gilt natürlich auch für SPD, Grüne und FDP."

Inspirierend lesen sich die Ausführungen über ihre biographischen Prägungen. „Bücher waren für mich das Tor zur Welt. In Büchern habe ich Dinge erfahren, die mein Leben reicher machten, die ich spannend fand." Unter anderem gibt sie Auskunft darüber, wie sie die Universalgelehrten Goethe und Hegel verstehen gelernt hat.

„Das politische Engagement war eine Konsequenz meines Weltbildes, das ich mir durch meine Lektüre von Philosophie und Literatur angeeignet hatte (...) Eine Gesellschaft, die auf Egoismus und rücksichtsloser Ellenbogen-Mentalität beruht, ist nicht menschlich, denn der Mensch ist ein soziales Wesen und im Kern eben kein rücksichtsloser Egoist."

„Die Überwindung des Kapitalismus" ist ein Kapitel überschrieben, worin Sarah Wagenknecht Konkurrenz als ein ökonomisches Prinzip definiert. „Unternehmen müssen miteinander im Wettbewerb stehen, weil es sonst zu wenig Druck gibt, innovativ und produktiv zu sein und sich an den Bedürfnissen der Kunden zu orientieren." So könnte natürlich auch ein Unternehmer argumentieren, weshalb denn auch Florian Rötzer nachfragt, ob uns heutzutage möglicherweise eine Utopie fehle.

„Das Grundsatzprogramm der Linken fordert eine andere Wirtschaftsordnung", antwortet Sarah Wagenknecht und weist auf ihr gescheites und lesenswertes Reichtum ohne Gier (Campus Verlag, Frankfurt/New York 2016) hin, in dem sie differenziert ausführt, was sie darunter versteht. In der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung ist es nämlich so, dass es da Riesenvermögen gibt „von Hunderten Millionen oder Milliarden, die sich niemand selbst erarbeiten kann, und die daraus resultierenden leistungslosen Einkommen, die den Kapitalismus ausmachen." Erstaunlich, dass wir uns das gefallen lassen!

Eines der für mich spannendsten Kapitel trägt den Titel „Können Algorithmen den Menschen ersetzen?" Spannend deswegen, weil sich Sarah Wagenknecht und Florian Rötzer nicht nur kenntnisreich darüber austauschen, ob denn nun die Technik oder der Mensch der grössere Unsicherheitsfaktor sei, sondern auch, weil die Grundsatzfrage nicht ausser Acht gelassen wird, ob und wie denn der Mensch ohne (oder mit weniger) Arbeit zurecht käme.

Couragiert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft ist ein Buch für Politik-Interessierte, die über den parteipolitischen Tellerrand hinaus denken.