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Meine ruhelose Seele: Die Geschichte einer bipolaren Störung

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DEPRESSION
Marjan_Apostolovic via Getty Images
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"Solange ich denken kann, war ich auf erschreckende, wenngleich oft auch auf wundersame Weise Stimmungen unterworfen. Nachdem ich als Kind äusserst emotional und als junges Mädchen quirlig und lebhaft gewesen war, wurde ich in der späteren Adoleszenz zunächst schwer depressiv und verfing mich dann, mit meinem Eintritt ins Berufsleben, heillos in den Zyklen der manisch-depressiven Krankheit", schreibt die Psychiatrieprofessorin Kay Redfield Jamison im Prolog zu ihrem Bericht über ihre bipolare Störung (Meine ruhelose Seele, mvg Verlag, München).

Aus Not und intellektueller Neigung beginnt sie ihre Stimmungsschwankungen zu erforschen. Herausgekommen ist dabei Meine ruhelose Seele, ein hervorragend und spannend geschriebenes Werk, das Oliver Sacks treffend wie folgt charakterisierte: "Mutig, brillant, wundervoll - dieses Buch sucht in der Literatur über manische Depressionen seinesgleichen."

Kay Redfield Jamison beginnt ein Medizinstudium in Los Angeles und im schottischen St. Andrews (wo es "horizontal schneit", wie ihr Tutor sagte, der wie viele seiner englischen Landsleute glaubte, "dass halbwegs akzeptables Wetter, von der Zivilisation ganz zu schweigen, dort endete, wo Schottland beginnt"), wechselt dann aber zur Psychologie.

Es wird Zeit was gegen die Stimmungsschwankungen zu tun

Ihr ist klar, dass sie etwas gegen ihre Stimmungsschwankungen unternehmen muss. Vor der Wahl entweder in psychiatrische Behandlung zu gehen oder ein Pferd zu kaufen, entscheidet sie sich fürs Pferd. Zudem lernt sie, klinische Diagnosen zu stellen, sieht jedoch keinen Zusammenhang zwischen den eigenen Problemen und dem in den Lehrbüchern beschriebenen manisch-depressiven Krankheitsbild.

"Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich diese Ignoranz, dieses Leugnen einfach nicht begreifen. Allerdings stellte ich fest, dass mir der Umgang mit psychotischen Patienten weniger ausmachte als den meisten meiner Kommilitonen."

Besonders eindrücklich beschreibt sie ihren Widerstand, die Krankheit zu akzeptieren. "Die psychologischen Probleme haben sich letztlich bei meinem langen Widerstand gegen das Lithium als sehr viel bedeutsamer erwiesen als die Nebenwirkungen.

Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich Medikamente brauchte. Ich war förmlich süchtig nach meinen wechselnden Stimmungen; ich war süchtig nach ihrer Intensität, nach der Euphorie, nach der Sicherheit, in der man sich wiegt, und nach ihrer ansteckenden Wirkung auf andere."

Dazu kam, dass sie verinnerlicht hatte, was ihr als Kind beigebracht worden war. Dass "man gewisse Dinge einfach durchstehen müsse, dass man sich nur auf sich selbst verlassen dürfe und andere nicht mit seinen Problemen belästigen solle." Dagegen kamen während langer Zeit auch die besten Einsichten nicht an.

Erst die große Liebe, dann die Ernüchterung

Dann verliebt sie sich, der Mann versteht sie, doch es kommt anders als erhofft. Er stirbt im Alter von vierundvierzig an einem schweren Herzanfall, sie ist damals zweiunddreissig. Sie vergräbt sich in die Arbeit, verbringt ein Forschungsjahr in England, verliebt sich wieder, reduziert in Absprache mit ihrem Psychiater das Lithium und erlebt das Leben neu. "Ich empfand das Schöne, aber auch das Traurige stärker."

Schliesslich lernt sie ihren heutigen Mann kennen, sie sind sehr verschieden, doch: "Die Liebe ist wie das Leben sehr viel seltsamer und weit komplizierter als die Erziehung einem weismachen wollte." Ist also die Liebe die Lösung? Ein Allheilmittel ist sie zwar nicht, doch kann sie "wie eine sehr starke Medizin wirken. Wie John Donne geschrieben hat, ist sie nicht so rein und abgehoben wie man vielleicht einst geglaubt und gewünscht hat, aber sie dauert fort und sie wächst."

Meine ruhelose Seele ist ein tief bewegendes und grossartiges Buch.

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