BLOG

Asylrecht, Terrorismus, Sterbehilfe: Ein Bundesrichter mischt sich ein

04/03/2016 20:36 CET | Aktualisiert 05/03/2017 11:12 CET

Thomas Fischer ist Strafrichter und schreibt seit Januar 2015 eine wöchentliche Kolumne "Fischer im Recht" für zeit-online.de. Eine Auswahl aus diesen Texten ist nun unter dem Titel Im Recht als Buch erschienen (Droemer Knaur, München 2016). Es sei gleich gesagt, die Lektüre lohnt. Sehr.

Angehende Juristen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie, wie der Rechtsanwalt und Journalist Hanno Kühnert einmal geschrieben hat, "so ungefähr im fünften Semester mit einer zweiten Denkstruktur" ausgestattet werden, die ergänzt durch "eine konforme Berufssprache, die gleichzeitig ihr Herrschaftswissen kennzeichnet" garantiert, dass Juristen unter sich ausmachen, was rechtens ist.

Dagegen schreibt Thomas Fischer an. "Es scheint mir nachgerade unerträglich, wie das Rechtssystem sich von der Zivilgesellschaft abschottet und sich für seine Machtsprüche auf vorgeblich neutrale Positionen bezieht, die in Wahrheit oft nicht mehr sind als begriffliche Zirkelschlüsse und aufgeblasen verklausulierte Interessen."

Im Recht handelt nicht von den Rechthabereien des Alltags, räsoniert auch nicht über angebliche Sensationen. Stattdessen zeigt es Zusammenhänge auf, die den meisten entgehen und weist auf wirklich Grundsätzliches hin (und geht dabei über die üblichen Ursache-Debatten weit hinaus).

"Können wir ernstlich erwarten, uns das ganze Elend aus zwei Dritteln der Welt mithilfe sechs Meter hoher Mauern und eines sogenannten Krieges gegen den Terror vom Leibe zu halten, ohne dass da ein paar zum Letzten Entschlossene von da draussen in unsere Welt eindringen und Rache üben? Und können wir ernstlich erwarten, dass sie das auf eine Weise tun, die nicht besonders schmerzlich ist?"

Prof. Dr. Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, drückt sich erfrischend unverblümt aus. Etwa über einen früheren Bundesinnenminister. "Er hatte, wie so viele, niemals Schuld. Er hat immer sein Bestes getan und sich vom Rand des Ensslin-Grabs durch die ganze Berliner Schickeria hinaufgefressen, wie Joschka, die kleine Raupe Nimmersatt, die gleich den ganzen Staat verschluckt hat."

Eines der Prinzipien, das Juristen leiten sollte, ist die Verhältnismäßigkeit. Und für diese plädiert der Autor klar und deutlich und meist mit überzeugender Logik. Auch wenn er sich selber (glücklicherweise, es wäre sonst etwas langweilig) nicht immer daran hält und gelegentlich auch falsch liegt, jedenfalls für mein Dafürhalten. Hier ein Beispiel:

"Entgegen zahllosen Behauptungen befindet sich die Welt nämlich nicht in einem Konflikt der Religionen, was immer man von ihnen halten will und wie viele Kommentatoren das auch behaupten mögen. Nein: Es geht um Armut und Reichtum, Bildung und Dummheit, es geht um Verteilungsgerechtigkeit."

Ja, ich stimme zu, es geht um Verteilungsgerechtigkeit. Doch schließt das einen Konflikt der Religionen oder einen Zusammenprall der Zivilisationen ja nicht aus. Es geht sowohl um Verteilungsgerechtigkeit als auch um sehr unterschiedliche Weltanschauungen; die beiden voneinander zu separieren ist kein hilfreicher Ansatz.

Unter dem Titel "Woher das Recht kommt" nahm ich schmunzelnd zur Kenntnis, dass das StGB, das Strafgesetzbuch, gar kein Buch ist, "sondern nur ein Gesetz, das 'Buch' heißt". Von diesem nun behauptet Professor Fischer, dass es "von jedermann jederzeit angeschaut, gelesen, verstanden und ausgelegt werden" könne, was zwar formal richtig, doch praktisch eindeutig falsch ist, denn kein Laie versteht juristische Texte. Soll er ja auch nicht.

So schreibt der Autor ein paar Zeilen weiter selber. "Es ist ein hochverdichteter Text, teilweise mit eigener und fremder Fachsprache vollgesogen. Manches, was man wissen muss, spricht er gar nicht aus oder nur sehr mittelbar oder an ganz anderer Stelle, als der Laie vermutet."

Im Recht setzt sich unter anderem mit der Todesstrafe, der Blasphemie sowie Fragen von Zufall und Schuld auseinander. Und weist darauf hin, dass das alles beherrschende Kausalitätsprinzip nicht der Weisheit letzter Schluss sein müsste. "Es ist unbedingt erforderlich, dass wir uns stets und immer wieder vergegenwärtigen, dass alles auch ganz anders gehen könnte, dass es andere Begründungen gibt, andere Schlussfolgerungen, andere Zuweisungen."

Im Recht ist unterhaltsam, lehrreich und horizonterweiternd.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft