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PC-Spiel "Das Rind": Gülle-Storm auf Facebook für Quarks und Co.

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Es braute sich ein "Gülle"-Storm auf der Facebookseite der WDR-Sendung  Quarks & Co. zusammen. Empörte Landwirte beziehen Stellung zu einer Sendung, in welcher ein Spiel mit dem Namen "Wirtschafts-Simulator Das Rind" dargestellt wird. Die sarkastische Spielanleitung vermittelt den Eindruck einer profitgierigen und das Tierwohl verachtenden Landwirtschaft. Das Unwort "Massentierhaltung" im Text unter dem drei Minuten-Spot auf der Webseite zeigt die Zielrichtung und Gesinnung der Macher.

Gleich zu Beginn erhält der Zuschauer die Information:

"Sie wollen Geld mit Rindern verdienen? Haben Sie einen Bauernhof geerbt? Trainieren sie spielerisch mit unserem Wirtschaftssimulator Das Rind!"

Als wenn es so einfach wäre, heute einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Ein moderner Landwirt muss zu seinen handwerklichen Fähigkeiten mittlerweile sehr viel weiteres Wissen mitbringen. Egal ob das die Biologie seiner Tiere oder die Steuerung seiner Melkroboter mit Computertechnologie ist. Eine Ausbildung zum Landwirt ist in unserer Zeit nichts für ungebildete Menschen. Dumme Arbeiten werden längst von Maschinen auf den modernen Höfen erledigt. Wie sonst könnte ein einziger Landwirt heute mehr als 130 Menschen ernähren.

Im Video geht es weiter:

"Wer jetzt zuschlägt bekommt ein Bolzenschussgerät gratis dazu!"

In Schlachthöfen werden diese Bolzenschussgeräte zur Betäubung von Tieren vor der Schlachtung eingesetzt. Der Zusammenhang mit einem Milchviehbetrieb soll wohl den Eindruck erwecken, das Landwirte die Tiere auch töten.

In der Pseudospiel-Werbung heißt es weiter:

"Die perfekte Übung für den Alltag. Denn wir haben den Simulator mit Zahlen aus der realen Welt gespeist. Wählen Sie zunächst Ihren Standort, am Besten Deutschland. Wir sind in Europa der größte Milch Exporteur und auch die Chinesen freuen sich über unsere wachsenden Rindfleisch-Lieferungen."

Deutschland exportiert Milch und Milchprodukte. Das liegt an den guten klimatischen Bedingungen, die eine Milchproduktion ermöglichen. Im Gegenzug importiert Deutschland mehr Lebensmittel als es exportiert. Die Verbraucher wollen schließlich auch Bananen und argentinisches Rindfleisch das ganze Jahr über essen. Auch nach China werden Milcherzeugnisse aus Deutschland exportiert, genau wie Autos und Maschinen. Die Chinesen lieben die Qualität deutscher Lebensmittel. Unsere öffentlich-rechtlichen Sender anscheinend nicht.

Die nächste Aussage im Film:

„Schon heute besitzen zwei Drittel der Betriebe mehr als 100 Tiere"

stimmt nicht. Ein Drittel der Betriebe wäre richtig gewesen.  Der Trend geht klar zum großen Betrieb. Denn als kleiner Milchviehhalter kann man keine Familie ernähren und ein Melkroboter lohnt sich auch erst ab 50 bis 70 Kühen. Der Einzelhandel und die Verbraucher wollen gute und günstige Milch und die Landwirte stehen wie andere Unternehmer im Wettbewerb.  Durchschnittlich werden 48,4 Tiere pro Betrieb gehalten (Stand 2011). (Agrarpolitischer Bericht der Bundesregierung 2011).

In der Regel werden durch eine Bestandsvergrößerung verbesserte Haltungsbedingungen für die Kühe geschaffen. Allein schon auf Grund der gesetzlichen Auflagen für neue Stallungen.

Anbindehaltung und moderne Milchwirtschaft schließen sich gegenseitig aus. Der im folgenden Film vorgestellte moderne Stall mit 200 Kühen zeigt wie es wirklich auf den sogenannten "Massentierhaltungsbetrieben" aussieht. Kühe sind Herdentiere und fühlen sich besonders wohl wenn sie mit sehr vielen ihrer Artgenossen zusammen sind, genau wie die Menschen.

In der nächsten Sequenz wird behauptet:

"Achtung eine falsche Entscheidung und ihr Kontostand sinkt rapide. Weidehaltung sieht zwar auf der Milchtüte gut aus ist aber aufwendig. Mehr als die Hälfte der deutschen Rinder bleibt immer im Stall Tendenz steigend deshalb unser Tipp: Anbindehaltung etwa jedes fünfte Rind in Deutschland lebt so. Vorteil, keine Bewegungsfreiheit das bedeutet kein Ausbrechen keine Randale. Gut für Ihren Kontostand."

Die im Bild gezeigten verschiedenen Haltungsvarianten sind mit Goldmünzen versehen. Von einer für ökologische bis fünf für Anbindehaltung.

Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie ein Zitat aus dem Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung 2011 auf Seite 43 zeigt: „Im Durchschnitt der Jahre 2005/06 bis 2009/10 haben die ausgewerteten ökologisch wirtschaftenden Haupterwerbsbetriebe mit 50.649 Euro um 27 Prozent höhere Gewinne je Unternehmen als die konventionellen Haupterwerbsbetriebe mit 39.741 Euro."

Genau wie der Mensch nicht mehr unter freiem Himmel und im Wald lebt, sind auch die seit Jahrtausenden domestizierten Rinder keine Steppenbewohner. Bewegung und Auslauf sind aber in großen modernen Ställen eher möglich als in alten Ställen in Ortslagen. Landwirte können dort ihre Tiere wegen des hohen Verkehrsaufkommen nicht mehr auf die Weide treiben.

Richtig ist, noch leben 27 Prozent der Milchkühe in Anbindehaltung. Das wird sich aber bald ändern, da ein Anbindestall nicht mehr wirtschaftlich ist und dies in Neubauten sogar verboten. Die Frist für alte Ställe ist 2013 ausgelaufen und nur noch mit besonderer Genehmigung können Kühe in Anbindeställen gehalten werden. Damit ist Anbindehaltung ein Auslaufmodell. Interessanterweise sind es gerade viele kleine Biobetriebe die noch Anbindehaltung betreiben. Beispiele sind Betriebe mit Almhaltung im Sommer. Dort stehen die Kühe im Winter angebunden im Stall und im Sommer auf der Alm. Das Anbindeverbot trifft somit vor allem kleine und Biobetriebe.

Interessant ist auch die Differenzierung zwischen Rinderzüchter und Fachagrarwirt. Glauben die "Experten" der Quarks & Co. Sendung, das man heute ohne Fachwissen Rinder erfolgreich züchten oder halten kann?

Weiter geht es im Film:

"Hüten sie sich vor den natürlichen Bedürfnissen des Rindes. Zehn Stunden gemütliches Fressen auf der Weide das ist doch Zeitverschwendung. Geben sie ihren Stallrindern Kraftfutter. Das geht schneller. Weiterer Vorteil mit Kraftfutter geben Milchkühe mehr Milch und Mastrinder wachsen schneller."

Ob die Kuh nun im Stall oder auf der Weide steht, hält sie nicht davon ab gemütlich zu fressen. Dem Wiederkäuer ist es egal, ob er auf der Weide sein Futter aufbereitet oder in einem offenen Laufstall. Kühe sind seit Jahrtausenden domestizierte Tiere, genau wie Hunde und Katzen. Auch Haustiere leben genau wie Menschen nicht in ihrer ursprünglichen Umgebung.

Kraftfutter allein ist nicht gut für Kühe, wie in dem Filmchen suggeriert wird. Jede Kuh braucht Strukturfutter. Eine reine Fütterung mit Kraftfutter ist nicht möglich, da das Verdauungssystem der Kuh darauf nicht ausgelegt ist. Im Gegenteil, die Kühe würden krank werden und sterben, wenn sie nur mit Kraftfutter gehalten würden. Wer schon mal auf einem modernen Milchviehbetrieb war, kann das sehen, wenn der Futtermischwagen befüllt wird.

Richtig ist, dass in Kraftfutter viel Energie steckt. Die Kuh braucht eine passende Mischung aus Gras, Maissilage, Ausgleichsfutter Heu und Stroh um sich mit Energie zu versorgen und eine hohe Milchmenge zu erzeugen.

Im Bild oben sehen Sie die Zusammenstellung im Futtermischwagen eines modernen Milchviehbetriebes. Univit Balans ist ein Soja Raps, ein Eiweiß Futter oder auch Ausgleichs-Futter genannt. Ausgleich deshalb, weil die Bakterien im Pansen (Kuhmagen) Eiweiß und Stärke (Energie) in passenden Mengen brauchen, damit der PH-Wert im Kuhmagen ausgeglichen bleibt. Unimix PKRbRS me ist eine Mehlmischung. Das ist ein reines Energie- oder Kraft-Futter. Bei den Gewichten muss man berücksichtigen, dass Heu und Stroh als Strukturfutter sehr viel Raum einnimmt im Vergleich zum Gewicht. Gewichtsmäßig den größten Anteil beim Futtermix der Kühe machen Mais- und Grassilage aus. Was die "Agrarexperten" der Sendung mit Schokolade und Rohkost meinen ist uns völlig unverständlich.

Der Sprecher fährt fort mit:

"Die entscheidende Spielphase: Milchproduktion. Kaufen sie die Rasse Holstein-Friesian der Ferrari unter den Milchkühen bringt 8000 Liter jährlich Spitzentiere sogar 15.000. Nachteil, hochgezüchtete Turbokühe werden nicht alt und öfter krank. Reagieren sie clever, sobald die Milchleistung nachlässt ab zum Schlachter."

Auch Kühe mit hoher Milchleistung werden alt und das bei guter Gesundheit. Sie vorzeitig zu töten wäre wirtschaftlicher Unsinn. Sicher wird die Kosten / Nutzen Relation bei einem kranken Tier abgewägt. Die Natur ist da aber mindestens genauso unerbittlich und sortiert kranke und schwache Tiere gnadenlos aus.

Die aktuellen Zuchtziele der Zuchtverbände befassen sich alle mit der Erhöhung der Nutzungsdauer und Verbesserung der Gesundheit und Fitness. Natürlich ist das wichtigste Kriterium die Milchleistung. Warum sollte man sich für die Milchproduktion eine Rasse mit schlechter Milchleistung in den Stall stellen.

Weiter geht es im Filmchen mit:

"Aufgepasst, besorgen sie sich doppelstöckige Transporter die sind in Deutschland üblich. Stopfen so viele Tiere wie möglich rein. So stürzen die Tiere nicht falls Sie scharf bremsen müssen."

Die erforderliche Mindestfläche und maximale Gruppengröße bei Rindertransporten ist durch die Tierschutztransportverordnung geregelt. Auch Menschen werden in zweistöckigen Bussen transportiert. Wenn die Tiere zu viel Platz hätten würden sie beim Transport leichter verletzt. Oder warum müssen sich Menschen in Autos in eng geformte Sitze pressen und zwangsweise mit Gurt fest schnallen. Wer schon mal Pferde im Anhänger transportiert hat weiß, das es besser ist nicht zu viel Platz zu lassen. Bei dem heutigen Verkehrsaufkommen verbietet es sich, Rinderherden über öffentliche Strassen zu treiben.

Der Sprecher fährt fort:

"Wichtig für ihren Kontostand sagen sie nicht alles der Presse. Zum Beispiel das ungefähr jedes vierzehnte Rind bei vollem Bewusstsein stirbt, weil der Bolzenschuss nicht trifft.
"

Viele moderne Landwirte haben erkannt, dass sie der Bevölkerung Einblicke in ihre Betriebe geben müssen und sind auch bereit dazu. Leider nutzen Teile der Presse dieses Angebot nicht. Allzu oft bedient sich die Presse aus anderen Quellen, die nicht aus erster Hand stammen.

Wer Fleisch essen will muss den Tod der Tiere in Kauf nehmen, die dafür ihren Körper hergeben müssen. Leider ist in unserer verstädterten Gesellschaft der Tod ein Tabu-Thema. Egal ob es um aktive Sterbehilfe oder die Schlachtung / den Tod von Nutztieren geht. Zum Sterben werden die Menschen in Altenheime und die Tiere in Schlachthöfe abgeschoben. Einige dieser vom Tod so geschockten Menschen werden zu Veganern, weil sie es nicht ertragen können, das der Tod an der Herstellung ihres Essen beteiligt ist. Sie belassen es aber nicht mit der Umstellung ihrer eigenen Ernährung, sondern stehen oft als belehrende Gutmenschen mit erhobenen Zeigefinger da. Das kann dann schon mal missionarische Züge annehmen. Eine Diskutantin hat auf Facebook unter dem Beitrag von Quarks & Co. sogar mit einer Ökodiktatur gedroht.

Es stellt sich die Frage ob nicht auch die Verantwortliche für den Quarks & Co. Beitrag Veganerin ist. Das würde einiges erklären. Denn so einseitig wie die Darstellung in dem Beitrag ist, liegt dieser Verdacht auf der Hand.

Fazit:

Mit dem dreiminütigen Beitrag "Wirtschaftssimulator - Das Rind" hat sich die "Wissenschaftssendung" Quarks & Co. nicht gerade wissenschaftlich mit Ruhm bekleckert.

Der Sendung schließt mit dem Satz:

"Wir versichern, weniger Gewissen bringt mehr Umsatz. Unser Simulator ist der perfekte Trainer denn alle Zahlen sind echt. Das garantiert ihnen Erfolg, auch im wahren Leben. "

Das ist aus Sicht eines hart arbeitenden Landwirts purer Zynismus.

Aus Sicht der Landwirte trägt dieser Clip eine eindeutige Färbung in Richtung Öko und Vegan. Es wird sich zeigen, ob die komplette Sendung diese Richtung nehmen wird. Die bisherigen, zu sehenden Teile auf der Internetseite des WDR lassen es befürchten. Wenn dem so ist, hat sich aus unserer Sicht die Redaktion und auch der Moderator Ranga Yogeshwar vor den Karren der Öko-Veganen Ideologie spannen lassen. Das wird sich massiv auf die Glaubwürdigkeit des bisher ausgewogenen Sendeformats auswirken. Solche Sendungen sind wir sonst eher aus den privaten Sendeanstalten gewohnt.  Von einer zur Ausgewogenheit verpflichteten Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalt erwarten wir für unsere zwangsweise erhobenen GEZ-Gebühren eine bessere Recherche.

Crosspost von Agrarblogger

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