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Abfall kommt uns nicht ins Haus: Wie unsere Familie es schafft, ohne Müll zu leben

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Wir sind Hannah und Carlo, und gemeinsam mit unseren zwei Töchtern leben wir Zero Waste. Genau genommen leben wir es nicht nur, wir lieben es auch. Doch was heißt das eigentlich? Übersetzt steht Zero Waste für "Null Müll". Wir versuchen also, in unserem Alltag absolut keinen Müll zu produzieren.

Falls du an dieser Stelle skeptisch wirst - es funktioniert wirklich! Im Grunde genommen geht es um eine Umstellung der eigenen Konsumgewohnheiten, und diese sollte vor allem eines sein: EINFACH, und zwar für dich! Jeder Mensch ist anders gestrickt, und jeder von uns hat andere Prioritäten und Vorlieben.

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Das Schöne an Zero Waste ist, dass es tausend verschiedene Wege gibt, zu einem müllfreien oder -reduzierten Alltag zu kommen. Wo du anfangen möchtest, bestimmst du ganz allein.

Die Null in Zero Waste kann einen verunsichern. Eine Bloggerkollegin hat ihren Blog "Near-O-Waste" getauft (also: Fast-O-Müll), was wir sehr passend finden, denn beim müllfreien Leben ist der Weg das Ziel.

Wir alle wissen, dass es in unserer Gesellschaft echt schwierig ist, absolut keinen Müll zu verursachen, deshalb möchten wir an dieser Stelle den Druck rausnehmen, schließlich soll das Ganze ja Spaß machen.

Die Umstellung auf einen müllfreien Alltag erfolgt in vielen kleinen Schritten, und jeder entscheidet selbst, wann er bereit ist, etwas aufzugeben oder auch nicht. Möglicherseise geht es euch an dieser Stelle ähnlich wie uns vor ein paar Jahren. Die Idee klingt ja schön und gut, aber wie um alles in der Welt soll das funktionieren?

Zero Waste: Was ist das?

Es ist das Bewusstsein dafür, möglichst wenig oder am besten gar keinen Müll zu verursachen. Man setzt also auf nachhaltigen Konsum, nutzt nur, was man wirklich braucht, und hinterfragt Kaufentscheidungen.

Im Grunde ist es eine Lebenseinstellung - und zwar der Befreiung vom Konsum (und damit vom Erwerbszwang) hin zur Freiheit eines selbstbestimmten, möglichst autonomen Lebens. Vielleicht lässt du in diesem Moment lange Supermarktgänge vor deinem inneren Auge Revue passieren.

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Null Müll bedeutet gleichzeitig auch Null Plastik, und das ist mittlerweile fast überall zu finden. Von der Zahnbürste bis hin zur Müsliverpackung oder der Wasserflasche.

Was kann man dann noch kaufen? Oder besser: Wo und wie kauft man ein, wenn man Stoffe wie Plastik vermeiden möchte? Und was macht man, wenn man sich im Restaurant etwas zum Mitnehmen bestellt? Was in der Theorie nach einer fast unlösbaren Aufgabe klingt, ist in der Praxis ein durchaus umsetzbares Lebensmodell.

Die Zero-Waste Grundpfeiler: Refuse!

Allein schon deshalb, weil nicht alles von heute auf morgen passieren muss. Die Zero-Waste-Philosophie basiert auf den 5 Rs. Diese Grundpfeiler erleichtern den Einstieg in den Lifestyle und bieten eine gute Basis, um sich Stück für Stück umzustellen.

Sie wurden durch Bea Johnson, eine in Amerika lebende Französin und Autorin des Buches Zero Waste Home, bekannt. Und hier sind sie: Refuse - Verweigern.

Das klingt im ersten Moment radikal und ist es wahrscheinlich auch, doch wenn man sich ganz offen die Frage stellt "Brauche ich das wirklich?", lautet die Antwort in den meisten Fällen "Nein". Wir werden im Alltag oft dazu verführt, überflüssige Käufe zu tätigen. Angebote à la "2 zum Preis von 1" können nahezu unwiderstehlich wirken.

Doch fast 50 Prozent der Dinge, die wir aus einem Impuls heraus kaufen, wandern schon nach kürzester Zeit wieder in den Müll. Und wenn man die Wertschöpfungskette vieler Konsumgüter hinterfragt, entsteht häufig von selbst der Wunsch, viele Dinge nicht mehr zu kaufen.

Hilfreiche Fragen diesbezüglich könnten sein: Woher kommt dieses Produkt? Unter welchen Bedingungen wurde es produziert?

Reduzier deinen Konsum!

War der Anbau für den Rohstoff nachhaltig gestaltet? Hat es eine lange Garantie? Lässt es sich reparieren? Und so weiter und so fort. Gleiches gilt auch für Gratisproben und sogenannte Give Aways. Es ist vollkommen in Ordnung diese abzulehnen. Vor allem wenn man schon im Vorfeld weiß, dass man etwas nicht braucht. Reduce - Reduzieren.

Hierbei geht es um eine allgemeine Bestandsaufnahme der eigenen Besitztümer. Bei genauerer Betrachtung ist man oftmals überrascht von der Fülle der Gegenstände, die sich über die Jahre im eigenen Haushalt angesammelt haben.

Anstatt einer Käsereibe hat man oft drei in der Schublade, und eine davon funktioniert nicht mal mehr so recht. Warum an den Dingen festhalten? Benutzen wir doch ohnehin nur die eine.

Re-use: Dingen einen neuen Sinn geben

Die anderen beiden können verschenkt, auf dem Flohmarkt verkauft oder möglicherweise zu etwas anderem umfunktioniert werden. Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt Re-use - Wiederverwenden.

Sich aller Gegenstände zu entledigen, wäre in vielen Fällen sicher nicht die ökologischste Variante. Vielleicht findet sich also eine neue Verwendung für diesen oder jenen Gegenstand? Wenn nicht im eigenen Haushalt, dann vielleicht in einem anderen. Stichwort Upcycling: Hierbei geht es darum, aus alten Dingen Neues zu schaffen.

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Anstatt unbenutzte Gegenstände dem Müllkreislauf zuzuführen, gibt man ihnen einen neuen Sinn. Im Internet findet man auf vielen Seiten viele Anregungen zu diesem Thema.

Upcycler haben zudem herausgefunden, dass fast jeder Gegenstand - vom nicht mehr funktionsfähigen Toaster bis zum leeren Filzstift - bis zu fünfzig verschiedene Verwendungsmöglichkeiten hat.

Reparieren!

Ein weiterer Aspekt des Wiederverwendens ist das Reparieren. Deine Oma hat dir noch beigebracht, wie man Socken stopft?

Dann nichts wie los! Und anstatt defekte Geräte zu ersetzen, kann man erst Erkundigungen einholen, ob es nicht auch ein Ersatzteil für den defekten CD Player gibt oder ob es innerhalb der Garantieleistung möglich ist, Reparaturen durchführen zu lassen. Oder man schaut in einem Repair-Café vorbei.

Die positiven Nebenaspekte sind zahlreich: Man gibt kein Geld für ein neues Produkt aus, hat die Zeit gespart, in einem überfüllten Geschäft nach dem passenden Ersatz zu suchen, hat sein handwerkliches Können aufgefrischt und Ressourcen geschont.

Und das Beste: Man fühlt sich wunderbar unabhängig. Wiederverwendung oder besser Weiterverwenden greift übrigens nicht nur bei Gegenständen, sondern auch bei Lebensmitteln.

Recyclen!

Entgegen der landläufigen Meinung können viele Wertstoffe nicht wirklich recycelt werden, der Energieaufwand ist meist hoch und die Recyclingquote, also der Anteil wiederverwerteter Rohstoffe, oftmals niedrig.

Nur wenige Wertstoffe sind tatsächlich gut recycelbar, zum Beispiel Papier oder Glas. Manche Städte bieten zwar Mülltrennung an, haben aber gar keine Verwertungsanlagen vor Ort und führen die Materialen dann doch der Verbrennung zu.

Recycling ist ein kniffliges Thema, bei dem es sich lohnt, genauer hinzusehen, auch ein Anruf bei den örtlichen Abfallwirtschaftsbetrieben kann viele Fragen klären.

Das Ziel unseres und wahrscheinlich aller Zero Waste-Haushalte wäre es, eines Tages nur noch kompostierbare Abfälle Einleitung zu produzieren. Ein fast schon utopischer Gedanke, aber ein schöner. Tatsächlich macht Kompost den größten Anteil unseres noch anfallenden "Abfalls" aus.

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Obwohl wir ihn nicht gern Abfall nennen, denn Kompost schafft Grandioses, nämlich neues Leben. Die Möglichkeiten des Kompostierens sind vielfältig und auf einige gehen wir später im Buch noch ein.

Seit wir müllfrei leben, haben wir viel Neues dazugelernt, fühlen uns gesünder und gehen um einiges achtsamer durch unseren Alltag. Wie wir das machen und auf welche Hürden wir unterwegs gestoßen sind, möchten wir euch in den folgenden Kapiteln erzählen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben". Es erschien im Januar 2017 im MVG Verlag. Das Buch enthält weitere nützliche Ratschläge zum Leben ohne Müll.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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