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Wir dürfen uns von unseren Eltern nicht sagen lassen, wie wir unsere Kinder erziehen

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Thanasis Zovoilis via Getty Images
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Als mein Sohn noch ganz klein war dachte ich noch, er würde im Kinderwagen schlafen, beziehungsweise sich daran gewöhnen. So war ich eines Tages am See spazieren in der Hoffnung, auf einer Bank ein Buch lesen zu können.

Wie immer fing er irgendwann an zu weinen. Ich nahm ihn auf den Arm und fröhnte neu erworbenen Kompetenz: Kind auf dem Arm tragen, Kopf stützen und gleichzeitig den Kinderwagen schieben. Sieht wohl ziemlich arm und angestrengt aus.

Jedenfalls kam nur kurz darauf eine Stimme von hinten: "Komm, lass mich schieben. Ich kenn das, mein Enkel macht das auch immer." Eine Frau, ca. 60 Jahre alt, nahm meinen Kinderwagen und schob ihn freundlich neben mir her.

Es stellte sich schnell heraus, dass sie zu ihrer Tochter wollte, die nur eine Straße entfernt von uns wohnt. Also ein Stückchen gemeinsamer Weg, auf dem der Kleine auf meinem Arm einschlief, sodass ich ihn anschließend zurück in den Kinderwagen legen konnte.

Unterwegs entwickelte sich ein an sich sehr nettes Gespräch. Und dann kam der Satz, auf den ich beinahe gewartet hatte:

Wenn du ihn immer rausnimmst und trägst, wird er nie im Kinderwagen liegen bleiben. Man darf die Kinder nicht so verziehen.

Anschließend erzählte sie mir von ihrem 43-jährigen Sohn, der von Anfang an die Nacht durchgeschlafen hatte, im eigenen Zimmer. Und davon, wie die verrückten Krankenschwestern von ihr verlangt hatten, ihn auch nachts zu stillen - was hätte sie denn noch alles tun sollen, sie hätte ja auch mal schlafen müssen!

Sie habe das Kind abends in sein Zimmer gelegt und morgens wieder rausgeholt. Angesichts meines Blickes, wohl irgendwo zwischen fassungslos und fragend, ob ich mich verhört hatte, fügte sie hinzu, dass er immerhin schon 43 Jahre alt sei, das habe ihm also nicht geschadet (?!).

Ein Blick in die Geschichte der Säuglingspflege

Woher kommt es, dass wir von den älteren Generationen und teils auch gleichaltrigen Müttern oft solche Meinungen weitergegeben bekommen? Keine der Frauen, von denen ich solche Ratschläge gehört habe, wollte ihren Kindern etwas Böses.

Mehr zum Thema: Jesper Juul: Kinder brauchen Führung

Diese Erziehungstipps kommen aus tiefster Überzeugung, dass das gut und wichtig für Kinder sei. Woher also kommt diese teils sehr radikale Ansicht über Kindererziehung?

Tatsächlich haben wir sie Adolf Hitler und den Nationalsozialisten zu verdanken. Er war es, der in seinem Manifest "Mein Kampf" (das erste Mal?) diese Erziehungsideale propagierte. Es geht dabei um die pure Abhärtung von heranwachsenden Bürgern, sowohl körperlich, als auch psychisch. Sie sollen "die notwendige Stählung für das spätere Leben erhalten".

Die Pflege der Kinder, dafür zu sorgen, dass sie kräftig und gesund sind, ist demnach die Hauptaufgabe der Mutter. Diese Erziehungsideale griff Johanna Haarer in mehreren Erziehungsratgebern, die ab 1934 veröffentlicht wurden, auf.

Die falschen Charaktereigenschaften

Alles, was mit Zärtlichkeit, Zuneigung und Bedürfniserfüllung zu tun hat, ist unnötige und ungewollte "Verzärtelung" des Kindes. Beharrlichkeit, Willenskraft und vor allem Unerbittlichkeit, das sind die idealen Charaktereigenschaften einer Frau.

Und Frau bedeutet im NS-Staat immer Mutter, das ist die einzige gewünschte Rolle und wurde auch mit dem Mutterkreuz (Ehrenkreuz der deutschen Mutter) geehrt. Bedauerlicherweise wurden die Bücher auch nach 1945 weiter publiziert und gelesen.

Ihr Erziehungsratgeber "Die deutsche Mutter und ihr Kind" ist mit 1,2 Millionen Auflagen der erfolgreichste Erziehungsratgeber im deutschsprachigen Raum und wurde bis 1987 aufgelegt. Allerdings in leicht abgeänderter Version (vor allem die Hitler-Huldigungen wurden gestrichen).

Kombiniert mit einer systematischen Schulung der deutschen Frauen hat diese Ideologie von der harten Schule fast alle Familien und Mütter in Deutschland erreicht und wird unter anderem als Nationalsozialistische Säuglingspflege bezeichnet.

Johanna Haarers Einfluss heute

Soviel also zur Geschichte. Aber was hat das nun mit heute zu tun?

Der Einfluss des Erziehungsratgebers von Johanna Haarer war enorm. Schließlich gab es endlich eine Anleitung, an die man sich als Mutter nur halten musste. Und zu allem übel haben die Methoden ja auch funktioniert und waren salonfähig geworden.

Leider ist es aber so, dass die Erfahrungen, die Kinder in der Folge durchmachen mussten, einer Art Trauma gleicht. Und Traumata werden, wenn nicht aufgearbeitet, oft an die nächste Generation weitergegeben. In Erziehungsfragen sogar fast immer.

Es dauert lange, bis die Nachkommen einer traumatisierten Generation sich davon lösen können, das Trauma aufzuarbeiten. Unsere Großeltern haben ja den zweiten Weltkrieg entweder noch miterlebt oder sind unmittelbar danach aufgewachsen. In Johanna-Haarer-Manier meistens.

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Selbst wenn sie schon weitaus weniger hart zu unserer Elterngeneration waren - die Meinung von der "Verzärtelung" des Kindes, dass man einen verwöhnten Bengel heranzüchtet, wenn man auf die Bedürfnisse von Kindern zu sehr eingeht, hat sich gehalten. Und mit ihr die Unfähigkeit, gefühlvoll und zärtlich mit Kindern umzugehen. So zieht sich der Faden bis heute. Die Meinung hält sich hartnäckig und mit ihr auch die dazugehörigen Floskeln:

"Wer sein Kind immer trägt, wenn es getragen werden möchte, der hat nie seine Ruhe."

"Man muss ein Kind auch mal schreien lassen, das kräftigt die Lungen."

"Das Kind muss lernen, dass es nicht immer seinen Willen haben kann."

"Gib ihm nicht immer die Brust, so wird er nie einen Rhythmus lernen."

"Wenn das Kind im Elternbett schläft, wird er sich nie an ein eigenes Bett gewöhnen."

Damit ihr einmal vergleichen könnt, hier ein paar ekelhafte Zitate aus Johanna Haarers Erziehungsratgeber:

Disziplin:

"Versagt auch der Schnuller, dann liebe Mutter, werde hart! Fange nur nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen."

Strafe:

"Auch wenn das Kind auf die Maßnahmen der Mutter mit eigensinnigem Geschrei antwortet, ja gerade dann lässt sie sich nicht irre machen. Mit ruhiger Bestimmtheit setzt sie ihren Willen weiter durch, vermeidet aber alle Heftigkeit und erlaubt sich unter keinen Umständen einen Zornesausbruch.

Auch das schreiende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen 'kaltgestellt', in einen Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift"

Pflichtbewusstsein:

"Vergessen wir doch nicht, was für Anforderungen unsere Zeit schon an die Jugend stellt, welch hohe Erwartungen der nationalsozialistische Staat an sie knüpft.

Vorüber sind die Zeiten, wo es erstes und oberstes Ziel aller Erziehung und Aufzucht war, nur die Eigenpersönlichkeit im Kind und Menschen zu vervollkommnen und zu fördern." (Quelle: br.de)

Kennt ihr sie, diese Kinder, die mit zehn Jahren immer noch ständig getragen werden, weil sie sonst brüllen wie am Spieß? Die ständig unzufrieden sind und ihre Eltern aufnutzen, an der Nase herumführen?

Die auch mit drei Jahren noch alle dreißig Minuten an der Brust trinken und mit 18 noch im Bett der Eltern schlafen?

Wie soll denn bitte ein Kind Respekt und liebevollen Umgang lernen, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, wenn es selbst keinen Respekt und keine Liebe erfahren hat, wenn seine Bedürfnisse oft ignoriert wurden (es sei denn, sie sind überlebenswichtig)?

Ein Kind, dem oft gezeigt wird, "wer das sagen hat", wird später vermutlich entweder sehr unterwürfig sein oder es genießen, auch mal das Sagen zu haben, glaubt ihr nicht?

Späte Aufarbeitung in unserer Generation?

Zum Glück ist spätestens (hoffentlich!) mit unserer Generation ein Punkt erreicht, an dem sich viele wieder darauf besinnen, was sie instinktiv für richtig halten und diesem Instinkt auch folgen. Die Eltern von heute versuchen eine Bindung zum Kind aufzubauen, Nähe und Vertrauen zu schenken und auf die Bedürfnisse des Kindes Rücksicht zu nehmen (was nicht immer heißt, dass sie alle erfüllt werden).

Es ist wohl kein Zufall, dass das Modell des Attachment Parenting auf dem Vormarsch ist und Eltern anfangen, sich gegen gutgemeinte Ratschläge der Vorgenerationen zur Wehr zu setzen.

Trotzdem finde ich es wichtig, deren Leistung zu respektieren und auch die Tatsache, dass sie vielleicht nicht verstehen, wie unsere Kinder aufwachsen sollen. Ich habe der netten Frau, die meinen Kinderwagen geschoben hat, auf dem Weg zu ihrem Enkel, auf den sie jeden Morgen ab 5.00 Uhr aufpasst, damit ihre Tochter arbeiten kann, nicht widersprochen.

Ich habe nur gelächelt und zugehört. Was für einen Sinn hätte es gehabt, ihre Leistung als Mutter in Zweifel zu ziehen und einen Streit anzufangen? Selbst wenn sie darüber reflektiert hätte, was ich für unwahrscheinlich halte, was hätte ich davon, wenn sie sich im Nachhinein schlecht fühlt?

Ich bin mir sicher, sie hat wie jede Mutter, wie wir alle auch, ihr Bestes gegeben für ihre Kinder und verdient dafür unseren Respekt.

Dieser Beitrag erschien im Original auf https://rubbelbatz.de

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