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Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Kindern: Soll ich meinem Kind Laktose geben?

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Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einer Mutter in der Krabbelgruppe. Ihr Kind war damals etwa 10 Monate alt und sie erzählte uns, dass sie ihrer Tochter keine Milchprodukte gebe.

"Warum das?" fragten wir gespannt.

Sie schien überrascht, dass wir den Grund nicht kannten.

"Na, weil Laktose nicht gesund ist. "

Durch meine Histaminintoleranz habe ich mich in meinem Leben viel mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten beschäftigt. Die Idee, dass Milch oder Brot im Generellen ungesund wären, weil manche es nicht vertragen, war ich in dieser Form noch nicht gekommen.

In der Zwischenzeit habe ich aber schon häufiger gehört, dass Eltern ihre Kinder vor möglichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten schützen möchten, indem sie ihnen den entsprechenden Stoff nicht in der Nahrung anbieten. Gluten ist ein zweites prominentes Beispiel.

Doch ist Weizenmehl und Milch wirklich ungesund? Oder Fruktose? Oder gar Histamin? Und was, wenn mein Kind eine echte Unverträglichkeit hat?

Was ist der Unterschied zwischen Allergie und Intoleranz?

Dazu erst einmal ein kleiner Exkurs, denn viel zu häufig werden Nahrungsmittelintoleranzen mit Allergien verwechselt.

Allergien bei Kinder

Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem des Körpers auf einen Fremdstoff, der eigentlich keine Gefährdung für den Menschen darstellt. Erdnüsse zum Beispiel, Hausstaub oder Pollen. Man kann so ziemlich gegen alles allergisch werden. Vermutlich fördert der häufige  bwz. übermäßige Kontakt mit einer Substanz die Entstehung der Allergie - Grundlage ist aber trotzdem eine genetische Disposition. Das heißt, während manche Menschen leichter Allergien entwickeln, sind andere fast "immun" dagegen. So habe ich in meinem Leben noch nie auf etwas allergisch reagiert, während der Mann schon Hausstaub, Heuschnupfen, und verschiedene Lebensmittelallergien diagnostiziert bekommen hat.

Eine allergische Reaktion tritt unmittelbar im Kontakt mit dem Allergen, also der verursachenden Substanz auf. Im Körper wird der Botenstoff Histamin ausgeschüttet, der maßgeblich an der Immunabwehr beteiligt ist. Die Symptome sind sehr vielfältig und können Haut (jucken, rote Flecken), Weichteile und Schleimhäute (anschwellen, jucken, brennen), Atemsystem (Atemnot), Herz-Kreislauf-System oder alle Organe am Kopf betreffen.

Interessanter Fakt: Eine allergische Reaktion tritt frühestens beim Zweitkontakt mit dem Allergen auf. Das heißt, wer zum ersten Mal von einer Biene gestochen wird, kann auch nicht allergisch auf Bienengift reagieren. Erst beim zweiten oder wiederholten Male ist das Immunsystem auf den Stoff sensibilisiert und antwortet mit einer Immunreaktion.

Allergien bei Babys und Kindern sind in der Regel nicht so stark ausgeprägt
, wie bei Erwachsenen. Das Immunsystem ist noch nicht so stark ausgebildet und reagiert daher nicht so heftig.

Unverträglichkeiten bei Kindern

Eine Unverträglichkeit hat nur mit dem Verdauungstrakt zu tun, nicht mit dem Immunsystem. Bestimmte Stoffe können bei Betroffenen im Darm nicht richtig abgebaut werden können. Ein gutes Beispiel ist eine Laktoseintoleranz. Dem Körper fehlen die Enzyme, um den Milchzucker richtig aufzuspalten. Er bleibt im Verdauungstrakt und verursacht Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit, bis er wieder ausgeschieden wird. Ähnlich verhält es sich mit Fruktosemalapsorption oder Glutenunverträglichkeit.

Etwas komplizierter ist es mit zwei Formen der Unverträglichkeit: Zöliakie und Histaminunverträglichkeit. Zöliakie ist eine ernstzunehmende, entzündliche Erkrankung des Darmes, bei der auch kleine Mengen Gluten zu ernsthaften Gesundheitsschäden und Nährstoffmangel führen können. Eine Zöliakie kann angeboren sein, d.h. von Geburt an bestehen, oder im Laufe des Lebens einsetzen.

Eine Histaminintoleranz ist ein relativ unbekanntes Phänomen, bei der Histamin aus der Nahrung nicht richtig abgebaut wird und dann in die Blutbahn gelangt. Im Körper verursacht sie ähnliche Symptome wie eine Allergie, denn auch bei einer allergischen Reaktion wird körpereigenes Histamin ausgeschüttet. Auch Hautsymptome, die der Neurodermitis entsprechen, können durch eine Histaminintoleranz hervorgerufen werden. Bei Kindern ist diese Form der Enzymschwäche zum Glück sehr, sehr selten.

Unverträglichkeit bei Kindern: Wann sollte ich zum Arzt?

Für all diese Unverträglichkeiten gibt es mehr oder weniger zuverlässige Tests. Weil manche davon Blut- oder Atemtests sind, würde ich diese meinem Kind nur zumuten, wenn ich wirklich den Verdacht habe, dass es darunter leidet. Allergietest übrigens genauso.

Unbedingt einen Arzt aufsuchen sollte man meiner Meinung nach aber in folgenden Fällen:

Kind hat starke Schmerzen im Bauchraum unmittelbar nach dem Essen.
Kind leidet über einen längeren Zeitraum häufig an Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen.

Kind verliert Gewicht bzw. die Gewichtszunahme stagniert über sehr lange Zeit.

Die meisten Formen der Unverträglichkeit sind zum Glück vor allem verbunden mit unangenehmen Symptomen wie Bauchschmerzen und Blähungen. Diese Symptome verschwinden wieder, wenn der Verursacher wegfällt. Sollte ein Kind allerdings unter Zöliakie leiden, ist eine schnelle Diagnose und absoluter Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel ungemein wichtig. Je schneller sie diagnostiziert wird, umso besser - denn langfristig drohen echte Gesundheitsschäden!

Auch eine echte, d.h. angeborene, Fruktoseintoleranz (nicht Fruktosemalabsorption) kann ernsthafte Gesundheitsschäden hervorrufen.

Verzicht auch ohne Intoleranz?

Doch was ist nun mit Kindern, die nicht unter einer Lebensmittelintoleranz leiden - sollten auch diese Kinder lieber auf Gluten, Laktose und Fruktose verzichten? Schützt der vorbeugende Verzicht vor einer späteren Unverträglichkeit?

Die Antwort in aller Kürze: Es ist kompliziert.

Probleme mit Gluten und Weizen

Gluten ist ein Klebereiweiß, das in Weizen, Roggen, Hafer und Gerste vorkommt. Immer mehr Menschen scheinen mit diesem Protein oder Weizen im Allgemeinen Probleme zu haben, sei es nun als klassische Glutenintoleranz, Zöliakie oder Allergie. Deshalb gibt es immer mehr Eltern, die ihre Kinder gänzlich ohne den "bösen Weizen" ernähren möchten.

Daran ist in meinen Augen grundsätzlich, also aus gesundheitlicher Sicht, nichts falsches. Denn auch wenn Gluten an sich nicht automatisch schädlich ist, enthalten doch fast alle ungesunden Produkte und Fast Food Weizenmehl. Das heißt, das jemand, der sich ohne Weizenmehl ernährt, sich zwangsläufig bewusster und gesünder ernährt - und auch seine Kinder.

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Genau da liegt aber auch das große Aber. Ein Verzicht auf viele gängigen Speisen bedeutet schon für mich als Erwachsene eine große Einschränkung - wie mag das erst für ein Kind sein? Selbst für mich als Erwachsene war es schwierig, mich ständig wie die Prinzessin auf der Erbse zu fühlen und immer erklären zu müssen, warum ich das nicht esse. Dabei habe ich ein gesundes Selbstbewusstsein und das Verständnis, warum ich es nicht esse. Wie ist das für ein kleines Kind? Wenn es auf einer Geburtstagsfeier eines Freundes fast nichts essen darf? Oder immer eine Extrawurst braucht? Wie lange wird es dauern, bis es vielleicht gehänselt wird deswegen?

Wenn es also nicht aus medizinischen Gründen sein muss, würde ich das Motto gelten lassen: Alles in Maßen. Vielleicht reicht es ja, wenn ich zu Hause darauf achte, dass wenig Gluten in der Nahrung vorkommt? Dann kann mein Kind außer Haus essen, ohne zu verzichten.

Probleme mit Laktose

In unserem ursprünglichen Genmaterial ist es nicht vorgesehen, dass wir Milch von anderen Säugetieren trinken. Die Fähigkeit, den Milchzucker (Laktose) aus der Nahrung aufzuspalten, lässt deshalb bei vielen Menschen nach den ersten Lebensjahren nach. Ursprünglich war der Mensch im Erwachsenenalter laktoseintolerant. Erst eine Genmutation bei uns Europäern ermöglichte es uns, Kuhmilch zu trinken und richtig zu verdauen. Offenbar ein klarer Evolutionsvorteil, denn die Mutation hat sich durchgesetzt. Ähnlich wie Weizen findet man Kuhmilch heute in einer Vielzahl an Lebensmitteln und immer mehr Menschen scheinen damit Probleme zu haben. Doch ist sie wirklich ungesund?

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Auch hier gilt: Ein Zuviel an Milch kann den menschlichen Körper belasten, in Maßen ist sie sicherlich kein Problem. Für Kinder ist der Verzicht auf Milchprodukte fast noch schwieriger, als auf Weizen. Denn dann gibt es keine Nachspeisen, kein Eis, keinen heißen Kakao. Zumindest nicht den, den die anderen Kinder trinken. Milchersatzprodukte aus Getreide oder Soja enthalten häufig sehr viel Kohlenhydrate, Zuckerzusätze oder Allergene (Soja).

Wie gehe ich mit einem unverträglichen Kind um?

Doch was, wenn mein Kind tatsächlich eine Unverträglichkeit hat? Mit der Diagnose und einer Ernährungsumstellung ist dann die körperliche Gesundheit eines Kindes sichergestellt. Der Unverträglichkeits-Stempel für mein Kind ist nun allerdings unumgänglich. Doch wie soll ich als Elternteil damit nun umgehen? Welchen Umgang mit der Unverträglichkeit bringe ich meinem Kind bei?

Auch für kleine Kinder bedeutet es schon eine enorme Einschränkung, etwas nicht essen zu dürfen, was Altersgenossen essen. In einer Gruppe wie im Kindergarten oder in der Schule wollen Kinder vor allem eins: Dazugehören. Bei jeder Mahlzeit eine Extrawurst zu sein, stellt für die kleine Psyche möglicherweise eine große Herausforderung dar.

Doch dürfen wir nicht vergessen, dass große Herausforderungen auch immer eine große Chance beinhalten. Deshalb ist es wichtig, dass wir mit unseren Kindern ausführlich darüber sprechen, sodass sie zu allererst einmal verstehen können, warum sie etwas nicht essen dürfen. Auch sollten wir ihnen vermitteln, dass sie dadurch nicht besser oder schlechter sind, als andere Kinder.

Und dann hilft wahrscheinlich das, was auch uns Erwachsenen am Ende am meisten hilft: Verständnis und Zurückhaltung. Das heißt, wir sollten für unser Kind da sein, wenn es traurig oder wütend ist, es auffangen und vielleicht helfen, die Gefühle zu verstehen, wenn es selbst noch zu klein ist. Gleichzeitig möchten betroffene Kinder aber meist einfach ganz normal sein. Wenn ihnen das gelingt und die Unverträglichkeit kein Thema ist, können wir als Eltern es auch dabei belassen. Ein ständiges "Hast du davon gegessen?", "Bist du sicher, dass du keine Bauchschmerzen hast?" ist da also fehl am Platz.

Eine in meinen Augen problematische Verhaltensweise meinem Kind gegenüber ist es, als Elternteil in anderen Bereichen "wieder gut zu machen". Wenn das Kind in irgendeiner Form mehr Aufmerksamkeit, Rücksicht oder Ausnahmeregelungen bekommt, als zum Beispiel ein Geschwisterkind, kann das schnell zum unterbewussten Muster werden. Das betroffene Kind lernt unter Umständen schnell, wie es etwas bekommen kann, "weil es ja so leidet". In der Psychologie nennt man das einen sekundären Krankheitsgewinn, der einen Zustand verstärken bzw. aufrechterhalten kann.

Auch Eltern von Kindern, die keine Unverträglichkeit oder andere chronische Erkrankung haben, aber ein betroffenes Kind im Umfeld, können übrigens viel tun, indem sie mit ihren Kindern darüber sprechen.

Dieser Artikel erschien im Original auf Rubbelbatz.de.

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