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Warum ich mein Kind nicht erziehe

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PARENTING
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Wer verschiedene Eltern-Blogs liest, der findet ein Thema zur Zeit überall: Selbstbestimmtes Schlafen. Das heißt, Eltern lassen die Kinder selbst entscheiden, wann sie müde sind und ins Bett gehen möchten. Für mich steht diese Frage in einem viel größeren Zusammenhang: Muss ich meine Kinder erziehen? Muss ich vorgeben, in welchen Rhythmus sie sich einfügen, wie sie in die Gesellschaft passen bzw. dass sie passen? Und wenn ja, wie viel Erziehung ist zu viel und wie viel muss sein?

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Bedürfnisorientierte Erziehung, Attachment Parenting, Unerzogen, was denn nun?

Bedürfnisorientierte Erziehung und Attachment Parenting sind seit längerem auf dem Vormarsch. Moderne psychologische Erkenntnisse legen nahe, dass das auch richtig und gut so ist. Wer sich ein bisschen einliest, findet schnell heraus, dass schreien lassen eben nicht die Lunge kräftigt und noch keinem Kind geschadet hat, dass den Teller leer essen und die stille Treppe Humbug von gestern sind und dem Kind eher schaden, als es auf das spätere Leben vorzubereiten.

Dass man sein Kind nicht für's Leben "abhärten" muss, sondern vor allem kleine Kinder und Babys ruhig verwöhnt werden dürfen, wird immer mehr zum Konsens. Denn entgegen früherer Weisheiten bereitet genau das sie auf ihr späteres Leben vor: eine sichere Bindung zu den Eltern, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ein gesundes Selbstwertgefühl. All das lässt sich erreichen, indem wir auf unsere Kinder eingehen, ihnen zuhören und sie gleichzeitig selbständig Dinge erforschen und erfahren lassen. Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren ist extrem wichtig für die kindliche Entwicklung.

Und dann gibt es da die Eltern, die ihren Erziehungsstil als "unerzogen" bezeichnen. Das liegt von dem oben beschriebenen nicht so weit entfernt, geht aber noch einen Schritt weiter. Unerzogen bedeutet nicht, dass Kinder ungezogen sind. Es bedeutet nicht, dass sie keine Grenzen kennen und keinen Respekt vor anderen haben. Unerzogen bedeutet vielmehr, dass man seine Kinder als gleichwertige Mitglieder der Familie sieht und sie sich selbst entwickeln lässt, ohne zu viel einzugreifen.

Es bedeutet auch, dass man nicht an den Kindern herum (er)zieht, sondern sie in ihrer Individualität liebt und respektiert. Zu dieser Richtung gehört auch selbstbestimmtes Schlafen. Die Kinder lernen, dadurch dass sie freie Entscheidungen treffen dürfen, sich selbst zu regulieren. Sie gehen nicht ins Bett, weil sie müssen, weil sie dazu erzogen werden, brav ins Bett zu gehen, sondern weil sie müde sind und gemerkt haben, dass Schlaf gut tut.

Antipädagogik

Thematisch ist die Unerzogen-Strömung damit gar nicht weit entfernt von einem Trend der 70er-Jahre: der Antipädagogik. Was sich erst einmal sehr plakativ anhört, ist in Wirklichkeit schnell erklärt. Der "Gründer" der antipädagogischen Bewegung, Ekkehard von Braunmühl, proklamiert in seinem Werk "Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung" (1973) das Ende der Erziehung als Versuch, das Kind in irgendeiner Art zu formen, es zu erziehen.

Demnach ist die Pädagogik, die Erziehung, wie ein "Krebsgeschwür" und setzt einen sich Generation für Generation wiederholenden Mechanismus in Gang: an irgendeinem Punkt im Leben wird das Kind (das ist dann meist die sog. Pubertät) mehr oder weniger stark gegen die Erziehung und Formung der Eltern ankämpfen. Am Ende macht man es als Erwachsener aber doch genauso wie die eigenen Eltern bzw. kann sich vom Konzept der Erziehung nicht lösen.

Mit dem Erziehen aufzuhören, aus diesem Alptraum aufzuwachen, dieses Spiel ohne Ende von außen zu betrachten und zu beenden, ist deswegen eine so schwierige Aufgabe, weil es in unserem Kulturkreis kaum Menschen gibt, die sich mit den Regeln dieses Spiels nicht anfreunden mußten, die diesen Traum nicht mit dem Leben verwechseln, die nicht felsenfest davon überzeugt sind, es wäre nicht gut, einfach nett zu sein. [...]

Vielen von ihnen ist eine heute noch utopisch erscheinende Qualität des Lebens und Zusammenlebens zu ermöglichen, wenn es gelingt, ihnen erkennbar zu machen, daß kein rationaler Grund sie zwingt, in das Erziehungsspiel ihrerseits aktiv einzutreten.

Braunmühl, Ekkehard von: Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung. Tologo Verlag, Leipzig 2006 (1975), S. 19"

Ja, das klingt sehr radikal. Später hat sich die Strömung der Antipädagogik übrigens zerschlagen, jedoch erscheint mir das Thema im Licht der oben beschriebenen Trends brandaktuell.

Antipädagogik ist nicht antiautoritäre Erziehung!

Da das immer wieder verwechselt wird, möchte ich darauf kurz hinweisen: Antipädagogik hat nichts mit antiautoritärer Erziehung zu tun und ist auch nicht laissez-faire. Antiautoritäre Erziehung hat ja die "Erziehung" schon im Namen - und tatsächlich kann man bei genauerem Hinsehen feststellen, dass auch hier Erwartungshaltungen und ein Erziehungsideal vorhanden sind.

Das Kind soll lernen, keine Autoritäten zu akzeptieren, soll sich gegen Staat, Schule oder sonstige gesellschaftliche Normen auflehnen. Man "erzieht" sozusagen einen Revoluzzer. Antipädagogik möchte zu gar nichts machen, zu gar nichts erziehen. Das Kind soll einfach nur das Kind sein.

Unser Konzept von Intuitiver Elternschaft: Erziehung nach Bauchgefühl

Und irgendwo zwischen Antipädagogik, Bindungsorientierung und traditioneller Erziehung finden wir uns wieder. Eine kleine, dreiköpfige Familie mit einem 1-jährigen Rabauken, dessen Energie und Willenskraft kaum zu bändigen zu sein scheint. Anfangs dachten wir, wir "machen" Attachment Parenting. Denn bei der Lektüre von Sears' gleichnamigem Buch konnte ich in mir hauptsächlich Zustimmung finden.

Doch im Laufe der Monate wurde für uns immer deutlicher: darauf haben wir keine Lust. Auch Attachment Parenting ist uns zu konzeptionell, zu starr in eine Richtung gedacht. Es gibt für meinen Geschmack zu viele Regeln und zu viel, was man offensichtlich falsch machen kann bzw. wissen muss.

Intuitive Elternschaft

Was wir eigentlich von Anfang an machen, möchte ich hier "Intuitive Elternschaft" nennen. Denn die wenigsten Dinge, die wir im Bezug auf unser Baby praktiziert haben, mussten wir uns speziell anlesen, meistens kamen sie aus dem Bauch heraus und fühlten sich einfach richtig an. Unser Familienbett zum Beispiel ist nicht aus einer Lektüre oder irgendeiner Einsicht heraus entstanden oder aus einer Überzeugung, dass das das Beste sei.

Im Gegenteil, das Beistellbettchen hatten wir ja bereits aufgebaut. Vielmehr fühlte es sich für mich gänzlich unmöglich an, meinen Neugeborenen in dieses Bett abzulegen. Erst später haben wir über die Vorteile des Familienbettes erfahren und was es auch der Entwicklung unseres Kindes für Vorteile bringt.

Natürlich bin ich sehr dankbar über all die pädagogischen Studien, Bücher und Ratgeber - allerdings habe ich in den allermeisten Fällen erst restrospektiv erfahren, dass das, was wir aus dem Bauch heraus tun, so schlecht nicht ist. Viel dankbarer als jedem Buch bin ich allerdings meinen Eltern. Denn davon bin ich überzeugt, das allermeiste lernen wir nicht durch Erziehung, sondern durch Vorbilder.

Wenn es mir also möglich ist, intuitiv so viele (laut gängiger Literatur) richtige Entscheidungen zu treffen, dann haben meine Eltern mir das ermöglicht. Und genauso möchte ich "erziehen": So wenig wie möglich, um dem Rubbelbatz so viel Raum wie möglich zu geben, um sich zu entwickeln und eine schöne Kindheit zu haben. Gleichzeitig soll er eines Tages, wenn er erwachsen ist, möglichst frei entscheiden können, was sich für ihn richtig anfühlt und was nicht.

Grenzen setzen

So wenig wie möglich erziehen bedeutet übrigens für uns auch so wenig wie möglich Stress und Nerven lassen. Es gibt trotzdem einige Grenzen, die wir setzen in unserem Familienalltag. Allerdings sind das keine Grenzen "um der Grenzen willen", d.h. sie sind keinem Erziehungsauftrag dienlich, sondern ergeben sich ganz natürlich - entweder aus unseren eigenen Bedürfnissen und Grenzen, oder aus der Notwendigkeit, unser Kind vor Schaden zu bewahren. Ich denke, diese reichen aus, um das gängige Argument abzudecken, dass es für die Entwicklung eines Kindes notwendig sei, gewisse Grenzen kennen und akzeptieren zu lernen.

Gemeinsam Spaß haben

Am Ende des Tages gibt es für uns also eine Devise: Unser Baby soll eine schöne Kindheit haben. Unser Augenmerk liegt dabei nicht permanent auf seiner Zukunft und was mal tolles aus ihm werden soll. Er muss jetzt noch keine Frühförderung erhalten oder Mozart hören, damit sich sein Gehirn besser entwickeln kann. Aber wenn er Freude daran hat, im Schlamm zu spielen, dann soll es nicht an der dreckigen Kleidung scheitern.

Er darf mit Essen spielen, die Wohnung in ein Chaos verwandeln und er muss nicht parieren, wenn wir das wollen. Ja, er muss verstehen, dass ein paar Dinge nicht gehen, weil sie gefährlich sind oder seine Eltern zu sehr belasten. Aber er muss keine Regeln um der Regeln willen lernen. Das kommt noch früh genug im Leben.

Kein Zurechtbiegen für soziale Anpassung

Ich betrachte die ganze Diskussion um Erziehung und Fremdregulierung hauptsächlich unter folgendem Gesichtspunkt: Wie viel von der sog. "Erziehung" dreht sich hauptsächlich darum, das Kind für die Gesellschaft anzupassen? Ist es nicht ganz oft so, dass das Kind "wohlerzogen" sein soll, damit für die Eltern (dem Kind ist das wohlgemerkt egal) keine peinlichen Situationen in der Öffentlichkeit entstehen?

Zu Erziehung gehört so oft so viel Oberflächliches, was ein Kind gar nicht braucht für seine Entwicklung, bzw. erst viel später. Kinder sollen nicht laut sein, die Erwachsenen nicht unterbrechen, still sitzen, beim Essen nicht kleckern, nur zu festen Zeiten essen, essen was auf den Tisch kommt, zu festen Zeiten schlafen, aufräumen, andere Kinder nicht anfassen, die Liste ist endlos.

Diesen ganzen Teil von Erziehung empfinde ich persönlich als ein Zurechtbiegen des Kindes für gesellschaftliche Normen. Natürlich kommt der Tag, an dem mein Sohn diese Normen kennenlernen muss und das wird er auch, aber wann es ihm wichtig ist, sich daran zu halten, soll er selbst entscheiden.

Und ja, das führt manchmal zu unangenehmen Situationen - für mich hauptsächlich und ich bin bereit, das auszuhalten. Denn auch jetzt lebe ich schon damit, dass seine Kleidung nicht fleckenfrei ist (genauso wenig wie meine), seine Fußsolen schwarz und er laut schreit, wenn er sich freut oder aufregt. Dafür darf er Kind sein, darf er ganz er selbst sein.

Respekt erleben

Dann gibt es da noch eine andere Ebene von Erziehung und da geht es viel um Respekt und Miteinander. Bei uns gibt es das Wort "Nein". Neben gefährlichen Situationen wird es vor allem verwendet, wenn etwas mir oder anderen weh tut. Ich möchte, dass er lernt, meine Bedürfnisse und die von anderen Kindern und Erwachsenen zu erkennen und zu achten. Er soll kein Kind ohne Regeln werden, das achtlos durch die Welt läuft.

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Und wie kann man das am besten erreichen? Richtig, durch Vorbildfunktion. Nur, wenn wir selbst seine Bedürfnisse achten und ihn als gleichwertiges Mitglied unserer Familie akzeptieren, wird er das auch versuchen. Dazu muss ich keine Erziehungsratgeber lesen und keine Definitionen kennen. Intuition und das gute alte "Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu" reichen in der Regel völlig aus.

Selbstbestimmtes Schlafen

Und wie ist das nun bei uns mit dem Schlafen und Selbstbestimmung? Immerhin lassen wir ihn schon ganz schön oft den Ton angeben in unserem Alltag. Auch da verfolgen wir einen strikten Kurs der Unbestimmtheit. Er geht dann ins Bett, wenn er müde ist. Allerdings ist er natürlich noch viel zu klein, um selbst ins Bett zu gehen und das wird vermutlich auch noch einige Jahre so bleiben. Darum ist es an uns, festzulegen, wann der Punkt erreicht ist.

So folgt seine Einschlafzeit keinem starren Muster, sondern richtet sich danach, wie er tagsüber geschlafen hat und wie er sich die 30 Minuten vorher verhält. Heißt konkret: oft geht er schon um 18 Uhr schlafen, mal aber auch erst um 20 Uhr. Das kommt nicht immer unserem Bedürfnis nach einem entspannten Abend zu zweit entgegen, aber verhindert auch stundenlange Kämpfe um's Einschlafen.

Wenn wir im Bett sind, und er noch nicht müde genug, dann kriecht er eben noch eine Weile auf unserem herum, bis er schlafen kann und wenn er es alleine zu lange nicht schafft, zur Ruhe zu kommen und uns das auf die Nerven geht, helfen wir auch mal mit Tragen nach.

Dieser Artikel erschien im Original auf Rubbelbatz.de.

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