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Couvade-Syndrom: So ändern sich Männer wenn sie Vater werden

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Ich gebe zu, dass ich schon immer ein sehr empathischer Mann gewesen bin. Ich reflektiere gern und stelle mir vor, welche Wirkung, welche Worte haben und wie ich auf bestimmte Personen zugehen muss, um sie nicht zu verletzen. Außerdem war es mir schon immer wichtig, dass die Menschen, die mir besonders nahe stehen, dieses auch spüren dürfen. So weit so gut. Ich komme später nochmal darauf zurück.

Wie verändert sich meine Frau in der Schwangerschaft?

Wie Hanna schon seit einigen Wochen wusste, dass sie schwanger ist, hat sie mir deutlich ihre ersten Beobachtungen an sich selbst geschildert. Sie wundert sich, dass sie morgens aufsteht und sofort Hunger hat. Das kannte sie bisher gar nicht. Auf einmal schmeckt ihr auch kein Kaffee mehr. Komisch, nach 12 Jahren ... auf einmal!

Außerdem kann sie sich nur noch ganz ganz schlecht konzentrieren und verschusselt einfach immer alles. Aber das aller schlimmste an der ganzen Sache, sie ist fast immerzu müde! Was ja eigentlich auch kein Wunder ist, da ihr Körper ja grade dabei ist, Höchstleistungen bei der Verwirklichung des kleinen Bauchbewohners aufzubringen.

Was mir natürlich in gewissen Phasen der bisherigen Schwangerschaft sehr entgegen kam, war ihre Lust auf Pizza. Aufgrund ihrer Histaminunverträglichkeit war Pizza in den letzten Jahren so gut wie gar nicht drin. Aktuell arbeitet ihr Körper aber anders und wir müssen das Zeitfenster von 9 Monaten dafür nutzen, die Dinge zu essen, die sonst ein No-Go für sie sind.

Da werden natürlich ein paar Snackereien gegönnt sein. Wie mir Hanna aber von ihren Veränderungen erzählt hat, wurde mir von Fakt zu Fakt immer mehr klar, dass ich schon voll lange so drauf bin, wie sie mir grade beschrieben hat.

Auch wenn meine Schwester gesagt hat, dass ich aufpassen soll. Denn bald steht sie mitten in der Nacht auf, um zu Burger King zu wollen. Meiner lässigen Antwort: "Das kenn ich, das ist doch normal", folgte logischerweise "Oh Gott, ich war schon immer schwanger!", was die Mädels scheinbar amüsierte.


Couvade-Syndrom: Wenn sich Männer in der Schwangerschaft verändern

Was mir bis dahin unbekannt war, ist, dass jetzt in der Schwangerschaft, mein Lifestyle auf einmal einen Namen bekommt: Couvade-Syndrom (frz. couver = brüten). Gemeint sind damit Verhaltensmuster, die der Mann in der Schwangerschaft an den Tag legt und auf diese Weise mit der angehenden Mutter solidarisiert. Wir schalten quasi selbst in den "Bald-kommt-das-Baby-Modus". Woran man das bei uns ganz gut sehen kann? Darauf deuten ein paar verräterische Indizien hin:

Der Bauchumfang des Mannes wächst mit dem der werdenden Mutter
Unsere emotionale Seite kommt stärker hervor getreten. (Wieso sonst gehe ich auf einmal so auf Entenlampen und Babyschuhe ab?)

Woher kommen die Schwangerschaftssymptome bei Männern?

Die Theorien, warum Männer sich während und nach der Schwangerschaft auf diese Weise verändern, sind vielfältig. Durch Forschungsergebnisse gesichert ist Folgendes: Die Schwangerschaftsanzeichen bei Frauen wie auch bei Männern werden verursacht durch eine Veränderung der Zusammensetzung der Hormone im Körper. Der Prolaktin- und Cortisolspiegel steigen - wenn auch bei Männern in viel geringerem Maße als bei Frauen. Der Testosteron-Spiegel dagegen geht in der Regel zurück.

Die Zeit-Online hat dazu folgende Beobachtungen festgehalten:

1. Männer, deren Part­nerin schwanger ist, ­weisen hormonelle Veränderungen auf. Diese könnten das "Couvade-Syndrom", also schwangerschaftsähnliche Symptome, hervorrufen. Noch ist unklar, welchen Anteil die Psyche daran hat.

2. Die Hormonumstellung geht mit ge­steigerter Fürsorge und Aufmerksamkeit gegenüber Neugeborenen einher.

3. Der Übergang zur Vaterschaft ist eine psychische Umbruchszeit, in der - genau wie bei Müttern - auch Depressionen gehäuft auftreten.

Aber warum verändern sich die Hormone auch bei mir - als Mann bin ich doch gar nicht schwanger?

Die folgenden Ursachen werden in der gängigen Forschung in Betracht gezogen:

1. Psychosomatik

Oft wird erwähnt, dass Männer in der Schwangerschaft "links liegen gelassen" werden und sich verloren bzw. hilflos fühlen. Alles dreht sich um die Frau und ihre Befindlichkeit, immerhin ist ihr Wohlergehen ja unmittelbar mit dem des ungeborenen Kindes verknüpft. Dass diese Zeit auch für den werdenden Vater eine Zeit der Veränderung, Verunsicherung und psychischen Belastung darstellt, gerät da oft ins Hintertreffen.

Dass auch er sich emotional stark beteiligt, zeigt sich in eben den beschriebenen körperlichen Symptomen. Es gibt sogar Theorien, die Männern einen sog. "Gebär-Neid", analog zum bekannteren "Penis-Neid" der Frau unterstellen.

2. Pheromone der Frau

Eine andere Theorie besagt, dass die hormonelle und damit verhaltensbedingte Veränderung durch die Übertragung weiblicher Pheromone (Sexuallockstoffe) durch die Haut verursacht werden.

3. Evolution

Ähnliche Veränderungen im Hormonhaushalt wie beim Menschen sind auch aus dem Tierreich bekannt - allerdings nur von solchen Arten, bei denen das Männchen an der Aufzucht der Jungen beteiligt ist. Und das ist tatsächlich eine Seltenheit. So gibt es z.B. auch bei unseren nächsten Verwandten, den Affen, einen "Brutpflege-Modus" und die Entwicklung eines Bäuchleins beim Männchen.

Für alle mit einem evolutions-biologischen Hintergrund wirft diese Tatsache die Frage auf: ist das männliche Verhalten und die hormonelle Veränderung nichts anderes als ein sich über Jahrtausende manifestierter evolutionärer Vorteil?

Das würde im Klartext bedeuten, dass die Nachkommen von Männern, die durch Zufall die beschriebenen Merkmale ausgeprägt haben, eine höhere Überlebenschance haben und sich daher das Merkmal in der Geschichte der Menschheit immer mehr gehäuft hat. Klingt logisch.

4. Zustand der Frau als Ursache

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sich der Lebensstil der Frau und damit zwangsläufig auch der des Mannes mit einer Schwangerschaft verändert. Statt Ausgehen und Sport sind jetzt Couch, Filme und Schokolade angesagt. Dass sich da auch ein Mann nicht entziehen kann, ist klar. Weniger Sport bedeutet im übrigen auch weniger Testosteron und in Kombination mit Chips & Schokolade auch mehr Kilos.

Was bei aller Spekulation meiner Meinung nach zu kurz kommt ist die Möglichkeit, dass Männer sich einfach mit auf das Baby freuen und sich deshalb große Mühe geben, fürsorglicher sind, mehr im Haushalt helfen und dadurch natürlich auch emotional gestresst. Mehr Stress führt bekanntlich zu mehr Schlaf und - welche Frau kennt das nicht - mehr essen.

Was tun als Mann mit Couvade?

Ich gebe zu, die letzten Monate habe ich ein Gürtelloch weiter offen tragen müssen, war aber bequem! Essenstechnisch hab ich leider voll versagt. Zumindest was die Zeit von 8-00 bis 19-00 betrifft, da ich mich in dieser Zeit hauptsächlich selbst ernähre. Emotional bin ich nun mal so wie ich bin (siehe Einleitung). Da glaub ich, brauch ich keinen "Brut-Modus" als Vorwand und Rechtfertigung dafür.

Aber um nochmal kurz auf den Bauch zurückzukommen...das wird mein persönliches Projekt bis zur Geburt des kleinen Rackers. Der Blick auf die Waage heute spuckte sportliche 88kg auf 1,92m aus. Anhand meines neuen "Rettungsrings" sind das mal eben 6kg mehr in den letzten Monaten geworden.

Ein Grund mehr, jetzt wirklich mal bald mit Sport anzufangen. Ein Ziel hab ich mir jedenfalls schon mal gesetzt. Im Juni soll mein Beach-Body wieder auf 82-84kg pure, adrenalingeladene Sportlichkeit zurücktransformieren. Mit Sport kann ich auch gleich noch auf natürliche Weise die Testosteronproduktion wieder ankurbeln. Von daher kann mir das Couvade-Syndrom mal den Buckel runterrutschen.

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