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Breifrei - festes Essen auch für Babys?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BABY PUREE
Boston Globe via Getty Images
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Es gibt wenig Dinge, die im Kopf so fest zusammengehören, wie ein Baby und Babybrei. Als Erstlingseltern mussten wir allerdings schnell feststellen, dass es dazu tatsächlich eine gute Alternative gibt: Breifrei oder Babyled Weaning, d.h. man lässt das Baby von Anfang an selbst erforschen und bestimmen, was und wie viel es isst - ohne es zu "füttern".

Für uns war eins klar: bis er 6 Monate alt ist, soll unser Baby voll gestillt werden. Angeblich verringert das nämlich das Allergierisiko und wird auch von der WHO so empfohlen. Hört sich ganz einfach an, aber vor allem seit er ca. 5 Monate alt war, fing er an, sich wahnsinnig für Essen zu interessieren. Der Teller konnte nicht mehr in seiner Nähe stehen, weil er sofort die Hand reinsteckte. Neugierig verfolgte er, wie das Essen in unseren Mund wanderte und wie wir es dort hin beförderten. Trotzdem blieben wir hart.

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Als er fast 6 Monate alt war, fing ich an, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Ich las ein Buch über Brei-Ernährung und ich las "Breifrei von Anfang an. Beikost neu entdecken" von Karolina Marques Pereira (Tologo Verlag, 2014). Schnell war für mich klar: breifrei ist das Richtige für uns!

Für mich ist das eine Fortführung unseres bisherigen Umgangs mit dem Kleinen: wir wollen ihn möglichst so annehmen, wie er ist und ihn nicht für unsere Bedürfnisse zurechtbiegen. Im Gegenteil, wir möchten seine Bedürfnisse respektieren und darauf eingehen. Das ist auch der Grund, warum wir versuchen, auf Wegwerf-Windeln zu verzichten, ihn abzuhalten, wenn er mal muss und ihn die ersten 11 Monate seines Lebens getragen haben, statt ihn im Kinderwagen zu schieben.

Was das mit Brei zu tun hat? Naja, auch hier gibt es die "saubere" Standard-Variante: Das Kind macht den Mund auf, Löffel rein, Brei rein, Löffel raus, Brei schlucken, Mund öffnen, usw. Wenn was daneben geht, trifft es das Lätzchen, das wandert nach dem Essen in die Wäsche. Man kann die Menge genau benennen, die das Kind gegessen hat und nach und nach steigern und eine volle Mahlzeit draus machen. Nach der gängigen Literatur kann man bestimmen, welches Gemüse und damit welche Nährstoffe in das Baby wandern.

Grundsätzlich spricht da natürlich nichts dagegen, es schadet dem Kind sicherlich nicht. Trotzdem bietet "breifrei", das ist mir bei der Lektüre des Buches klar geworden, einige Vorteile für uns und den Kleinen, die mir die Flecken auf der Kleidung und das zusätzliche Boden wischen wert sind.

Welche Vorteile für das Kind hat breifrei?

Als allererstes darf das Baby dabei selbst entdecken, und zwar mit allen Sinnen und im ganz eigenen Tempo. Es lernt nicht nur den Geschmack der Nahrungsmittel kennen, sondern auch die Konsistenz mit Händen und Mund entdecken. Unser Kleiner kann selbst bestimmen, welches der angebotenen Lebensmittel er wann nimmt, untersucht, sich in den Mund steckt - oder eben nicht.

Die Tochter einer Freundin, die ebenfalls breifrei machen, konnte mit 11 Monaten schon im Kühlschrank oder am Tisch ganz genau zeigen, was sie essen möchte. Und das ist häufig etwas, was man dem Baby sonst nicht gegeben hätte. Saure Gurken zum Beispiel.

Unser Baby kann auch das Tempo, wann und wie viel er isst, selbst koordinieren - und fühlen, wann er satt ist und genug hat. Er lernt so, auf seinen Körper und sein Sättigungsgefühl zu hören bzw. verlernt es nicht - denn eigentlich kann er das ja bereits. Beim Stillen nach Bedarf vertraue ich ihm ja auch, dass er weiß, wie viel er wann trinken möchte.

Das selbständige Essen fördert außerdem seine Entwicklung: die Hand-Mund-Koordination sowie das Greifen übt er so jeden Tag viele Male und auch die Mund- und Zungenmuskulatur wird ordentlich gefordert. Anscheinend ist das auch förderlich beim Sprechen lernen.

Wie wirkt sich breifrei auf uns als Eltern aus?

Die oben genannten Gründe alleine hätten für mich eigentlich schon gereicht. Was mich aber endgültig überzeugt hat: breifrei bedeutet weniger Stress für uns! Kein Einkaufen oder Einkochen von Brei, kein Entsorgen der Gläschen, keine zusätzlichen Kosten.

Auch am Tisch können wir ganz entspannt zu dritt oder zu zweit sitzen und jeder kann sich auf sein Essen konzentrieren. Wir müssen nicht zuerst ihn füttern und dann selbst essen, wenn er schon quengelt oder anders herum. Er macht sein Ding, wir machen unseres. Nur hin und wieder fassen wir rüber und holen die Stücke, die sich auf seinem Lätzchen ansammeln, und die er dadurch nicht mehr sieht, wieder hervor.

Auch unterwegs ist breifrei für uns die No-Stress-Variante. Wir brauchen nichts mitschleppen und uns keinen Kopf machen, wo wir den Brei aufwärmen und füttern. Eine Banane z.B. kann man gut mitnehmen und wenn wir essen gehen, können wir so bestellen, dass er "mitessen" kann.

So haben wir angefangen

Eines Tages haben wir ihm einfach eine "Kürbislasagne" (Vollkorn-Lasagneplatten und große Kürbisstücke im Ofen gebacken) hingestellt, während sein Papa ihn auf dem Schoß hatte. Leider hat er nicht wie erhofft schön angefangen, zu essen, sondern alles ist auf dem Boden gelandet. Oder auf seinem Papa. Oder in seinem Gesicht und auf seiner Kleidung. Trotzdem haben wir es die nächsten Tage wieder und wieder versucht und langsam hat er verstanden, dass die Sachen schmecken und dass man sie schlucken kann.

Anfangs haben wir ihm vor allem gedünstetes Gemüse (Kürbis, Karotte, Süßkartoffel, Kartoffel, Topinambur, Pastinake, Zucchini, Paprika) sowie rohe Gurke, Tomate, (davon kann er jeweils ganz gut das Innere, Weiche, ablutschen, der Rest kommt dann wieder zum Vorschein) und Banane gegeben.

Die Stücke müssen keine klassische Stick-Form haben, aber immer so groß sein, dass er sie selbst greifen kann.

Wenn wir jetzt für uns kochen, kochen wir für ihn einfach mit. Entweder er bekommt etwas ähnliches wie wir, oder wir werden in unseren Nudel- oder Reistopf einfach ein paar Gemüsestücke für ihn mit rein. Morgens bekommt er mittlerweile Haferbrei, wenn ich frühstücke, zwischendurch auch mal ein Stück Pizzarand oder Brot. Allem nimmt er sich mit fast derselben Leidenschaft an und es ist erst gut, wenn der Mund wirklich randvoll ist.

Gefahr des Verschluckens

Oft höre ich folgenden Einwand von anderen Eltern: "Aber verschluckt er sich da nicht an kleinen Stücken und kann daran ersticken? " - Naja, bisher lebt er offensichtlich noch. Spaß beiseite, das kann das eigentlich kaum passieren. Auch Babys sind bereits mit einem sog. Zungenstoßreflex ausgestattet, der sie davor schützt, dass zu große Stücke nach hinten gelangen. Sie werden einfach von der Zunge wieder nach vorne geschoben. Außerdem wird bei kleinen Kindern der Würgereiz sehr früh ausgelöst.

Wir haben beobachtet, dass er erst einmal kräftig hustet, wenn ein Stück zu weit nach hinten rutscht. Meistens kommt es dann in hohem Bogen zum Vorschein. Wenn es tatsächlich feststeckt, und das ist bisher ca. 4-5 Mal passiert, dann übergibt er sich und es kommt mit raus. Das hört sich übrigens schlimmer an, als es ist.

Ihm macht das rein gar nichts und er isst danach fröhlich weiter. Und die Fälle, in denen er sich verschluckt, werden immer seltener - er lernt also auch das relativ schnell. Sollte doch mal was nicht hochkommen und das Kind tatsächlich zu ersticken drohen, hilft es übrigens in der Regel, ihn quer über die Knie zu legen und von unten kräftig zwischen die Schulterblätter zu klopfen.

Ungeeignete Lebensmittel als Beikost

Momentan soll der Kleine ja noch möglichst keinen Zucker, wenig Salz, Proteine usw essen. Aber die Liste, der Nahrungsmittel, mit denen man Babys lieber nicht Füttern sollte, umfasst noch einiges mehr:

Salz
Zucker
Konservierungsstoffe, andere Zusatzstoffe
Koffein und Alkohol
Honig und Ahornsirup
Nüsse
Rohmilch(-produkte)
rohes Fleisch/ Fisch
Diät- und Lightprodukte
Nicht mehr als 1g Eiweiß pro Kilo Körpergewicht am Tag bis zum 3. Lebensjahr
zu scharfes Essen

Ansonsten darf er einfach essen, was wir essen und was ihm schmeckt.

Fazit unserer BLW Erfahrung

Für uns ist das definitiv der richtige Weg. Hier sieht man so schnell eine Entwicklung und wir sind so stolz auf unseren Kleinen. Anfangs hat er vor allem mit dem Teller gespielt und im Essen herumgematscht, um dann ziemlich zügig alles auf den Boden zu werfen. Schnell hat er aber angefangen, sich die Sachen in den Mund zu stecken. Anfangs konnte er nur den Teil in den Mund bekommen, der zwischen Daumen und Zeigefinger aus der Faust herausragte - die Stücke mussten also ziemlich groß sein.

Nach ca. 1,5 Wochen hat er gelernt, kleinere Stücke in die Faust zu nehmen, diese zu drehen, die Finger zu öffnen und den Inhalt direkt in den Mund zu befördern. Gleichzeitig lässt er die Stückchen immer länger im Mund und schiebt sie hin- und her, wodurch sich Lebensmittel wie gekochtes Gemüse langsam auflöst und er es schlucken kann.

Auch das Zerkleinern größerer Stücke mit dem Kiefer hat er schon drauf und seit Kurzem übt er - wenn auch bisher noch nicht immer erfolgreich - den Pinzettengriff mit Zeigefinger und Daumen.

Trotzdem haben wir mittlerweile auch Brei zu Hause. Unser Baby ist nämlich wahnsinnig aktiv und es gibt Tage und Zeiten, da schafft er es nicht, still zu sitzen und sich auf sein Essen zu konzentrieren. Auch an der Brust hält er es keine zwei Minuten aus, er will weiter spielen. Trotzdem hat er Hunger und das macht ihn oft schlecht gelaunt und quengelig. In diesen Momenten greifen wir auf Brei zurück, den wir ihm zwischendurch geben.

Man sollte übrigens nicht davon ausgehen, dass das Baby auf diese Art schnell große Mengen isst. Bis zum 9. Lebensmonat dauert das laut Autorin auf jeden Fall. Die nötigen Nährstoffe bezieht das Baby weiterhin hauptsächlich aus der Muttermilch bzw. Flaschennahrung.

Deshalb wird idealerweise auch weiterhin nach Bedarf gestillt - Ziel ist es erst einmal nicht, klassisch ganze Mahlzeiten zu ersetzen - und es wird der Entwicklung des Babys überlassen, wann es die Muttermilch langsam durch immer mehr feste Nahrung ersetzt. Baby-led-weaning eben!

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